Report Julia Grosse, 33, über ihre Großeltern

Manchmal treffen wir auf Paare, von denen ein ganz besonderer Zauber ausgeht. Drei Frauen erzählen von den Menschen, die sie inspirieren.

Julia Grosse, 33, über ihre Großeltern Irmel, 94, und Paul Meermann, 94, Münster

Es war der Hochzeitstag meiner Großeltern, und sie führten ihre Kinder und Enkelkinder groß zum Essen aus. Sie waren auf den Tag genau 65 lange Jahre verheiratet, ,Eiserne Hochzeit‘. Niemand von uns kannte ein Paar mit einer so langen Ehe. Wir erhoben unsere Champagnergläser, und mein Opa holte einen Brief aus seiner Anzugtasche. Was folgte, war eine zehnminütige Liebesbekundung, ein symbolisches Niederknien vor dem anderen, geliebten Menschen, wie ich es noch nicht einmal aus Hollywoodklassikern kannte. Als er den letzten Satz mit ,Ich liebe dich immer noch wie am ersten Tag‘ schloss, zog die versammelte Verwandtschaft tief gerührt die Nase hoch. Nur meine Oma lächelte. Sie kannte es ja nicht anders, für sie war die perfekte Liebe etwas, woran sie sich 65 Jahre lang als etwas Gegebenes hatte gewöhnen können.

Natürlich habe ich meine Großeltern oft gefragt, was denn nun das Geheimnis ewiger Liebe sei. ,Toleranz‘, sagen sie dann immer wie aus einem Mund. Den anderen und dessen Meinung respektieren. Nicht um jeden Preis recht behalten zu wollen und außerdem viele gemeinsame Interessen. Bei ihnen war es das Reisen und stundenlanges Reden bei Tee aus ihren chinesischen Tässchen. Für ihre Freiheit der Gedanken habe ich sie immer bewundert. Doch ich habe noch eine ganz eigene Theorie für ihr Glück: Mein Opa trägt seine Frau auf Händen. Immer wenn ich mit ihm einkaufen gehe, bringt er meiner Oma etwas mit. Einen Blumenstrauß, eine Brosche, Ohrringe. Als Kind habe ich stundenlang mit all diesen Schätzen seiner Zuneigung Kaufladen gespielt.

Beide sind heute Mitte neunzig und machen sich immer noch schön füreinander, ein bisschen als bringe jeder Tag ein neues Rendezvous. Ich könnte unangemeldet klingeln und würde beide tadellos in Jackett und Bluse antreffen. Er ist ein klassischer Gentleman, sie ein wenig Diva. Ich habe mir in früheren Beziehungen, die nicht recht funktionierten, oft eingeredet: Bleib dran, Gegensätze ziehen sich an. Doch immer wenn ich mit meinen Großeltern Fotoalben anschaue, wenn sie beginnen, über Erinnerungen zu kichern, und sich fest drücken, wird mir klar: Gemeinsam, als Team sind sie gut. Und der Spruch ,Gegensätze ziehen sich an‘ ist absoluter Unsinn.“

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Autor:
Julia Grosse, Kathrin Halfwassen