Wissenschaftler schlagen Alarm Werden wir immer dümmer?

Jahrzehntelang ging die IQ-Kurve steil nach oben. Jetzt schlagen Wissenschaftler Alarm, weil unsere Intelligenz nicht mehr kontinuierlich steigt. Was steckt dahinter? Und wie können wir unser Gehirn trainieren?

Frau mit Handy Werden wir immer dümmer? © iStock

Artikelinhalt „Werden wir immer dümmer?"

1. Werden wir immer dümmer?
2. IQ und Digitalisierung
3. Das Multitasking-Märchen
4. Gene oder Umwelt?
5. Was können wir tun, um unser Gehirn zu trainieren?

Werden wir immer dümmer?

Mal ehrlich, an einem IQ-Test hat sich wohl jeder schon versucht. Entnervt aufgegeben oder tapfer bis zum Ende geknobelt und erwartungsvoll auf das Ergebnis geschielt? Der neuseeländische Politologe Professor James Flynn (85) hatte Ende der 1980er-Jahren nachgewiesen, dass der Intelligenzquotient (IQ) seit 1947 in den Industrienationen kontinuierlich gestiegen war: von Generation zu Generation um fünf bis 25 Punkte. Forscher vermuten, dass einer der Gründe in der besseren Ernährung lag. Inzwischen scheint aber der umgekehrte Effekt einzutreten. Seit Mitte der 1990er-Jahre steigt der IQ nicht mehr rasant, sinkt sogar offenbar seit den 2000er-Jahren um 0,25 bis 0,5 Punkte. Werden wir also immer dümmer?

IQ und Digitalisierung

Der Biologe Professor Dr. Martin Korte (54) von der Uni Braunschweig ist Spezialist dafür und erforscht, wie leistungsfähig das Gehirn für Lernen und Gedächtnis ist: „Im Grunde sagt der IQ nur aus, wie viel PS mein Gehirn hat. Wie schnell löst es Aufgaben und verarbeitet Informationen.“ Ein Wert zwischen 85 und 115 Punkten gilt dabei als Standard. Ab 130 beginnt die Hochbegabung, nach Korte also ein Sportwagen. Unter dem Wert von 85 bewegen wir uns beim Denken dann im Tempo eines Kleinstwagens. Entscheidend für den IQ ist unsere Gedächtnisleistung und wie gut wir in der Lage sind, Gelerntes anzuwenden. Unser Intelligenz-Training!

Die These, dass unser IQ kontinuierlich sinkt, teilt Korte nicht: „Vielmehr stagniert er seit etwa 2010. Offenbar hat unser Gehirn vorerst die Grenze seiner Leistungsfähigkeit erreicht.“ Liegt es an Chemikalien aus Verpackungen und Kosmetika, die den Hormonhaushalt stören und dadurch die Entwicklung des Gehirns beeinflussen? Einige internationale Forscher gehen davon aus. Korte kennt die Studien und winkt ab: „Ein Thema, das man beobachten muss. In Deutschland ist das zurzeit aber auszuschließen.“ Massive Veränderungen durch Schadstoffe sind bei uns bisher nicht messbar.

Er sieht die Ursache viel mehr in der Digitalisierung, durch die wir uns immer kürzer auf eine Sache konzentrieren können. Mehr als 400000 Sinnesreize pro Sekunde prasseln auf unser Gehirn ein. Dabei kann es nur maximal 120 Bit pro Sekunde sinnvoll verarbeiten. Die Rechenkapazität unseres Gehirns liegt damit unterhalb von einem Prozent der Sinnesreize. Allein Sprache braucht 50 Prozent dieser Kapazität. Heute arbeiten wir gleichzeitig am Computer, beantworten Mails, chatten, unterhalten uns. Dauerstress, der das Gehirn überfordert. Wir können uns nichts mehr merken. Müssen wir scheinbar auch nicht – alle Informationen sind ja über das Internet abrufbar. Telefonnummern? Hat längst niemand mehr im Kopf.

Das Multitasking-Märchen

Dabei brauchen wir Basiswissen, das stetig erweitert wird. Sonst fällt das Denken immer schwerer. Durch ständige Unterbrechungen sind wir aber permanent abgelenkt, lernen nichts. Gerade Frauen rühmen sich gerne, sie seien Meisterinnen des Multitasking und könnten alles gleichzeitig. Sorry, leider ist das ein Märchen und führt dazu, nichts mehr richtig zu erledigen. „Das Gehirn ist dafür nicht geschaffen. Wir haben von dem Begriff ein falsches Verständnis“, stellt Korte klar. „Tatsächlich steht Multitasking dafür, wie schnell man von einer Aufgabe zur nächsten wechselt.“ Also doch eins nach dem anderen? „Ja, nur so funktioniert unser Gehirn optimal.“

Damit der Kopf in unserer Welt mitkommen kann, müssen wir dringend mehr Zeit für digitale Pausen einplanen und wieder lernen, uns zwei bis drei Stunden am Tag einer Aufgabe zu widmen – ohne Handy und Co. Lesen etwa wäre gut, es fordert gleichermaßen Verstand, Kreativität und Emotion. Damit das Gehirn die Informationen verarbeiten und abspeichern kann, braucht es außerdem Ruhe. „Dazu gehören mindestens sieben Stunden Schlaf“, sagt der Experte. Genauso wie Sport, denn dadurch wird das Gehirn besser durchblutet: „Vor allem die Areale, die Konzentration und Aufmerksamkeit ermöglichen.“ All das steigert die Gedächtnisleistung.

Gene oder Umwelt?

Ist Dummheit angeboren? Vorgegeben ist uns die Intelligenz nicht von Geburt an. „Unser IQ hängt zu etwa 50 Prozent von den Genen ab“, sagt der Gehirnforscher. „Wichtig ist, was die Umwelt einem zutraut, welche Anreize sie etwa beim Lernen gibt.“ Wer immer nur hört, dass er etwas nicht kann, wird das irgendwann glauben. Das fängt schon in jungen Jahren an. „Wichtig ist, dass Kindern der Rücken gestärkt wird. Selbst wenn es mal nicht so gut läuft, brauchen sie Bestätigung.“ Korte ist überzeugt, dass die Schule eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Leistungsfähigkeit spielt. Werden die schulischen Anforderungen heruntergeschraubt, sinken auch die Ergebnisse. Ob wir immer dümmer werden, haben wir heute daher offenbar mehr denn je selbst in der Hand.

Was können wir tun, um unser Gehirn zu trainieren?

Unser Gehirn braucht ständig neue Herausforderungen, damit wir nicht dümmer werden. 8 Tipps vom Experten!

Tipp 1: Neues ist gut fürs Köpfchen

Wir nutzen nur zehn Prozent der Leistung, zu der unser Gehirn fähig wäre, um Dinge zu behalten, weiß Markus Hofmann (44). Der Münchner, der international zu den besten Gedächtnistrainern zählt, hat eine Erklärung dafür: „Wir lagern unser Gedächtnis mit Handys und Computern immer mehr aus.“ Das Gehirn braucht aber Wissen, das stetig erweitert wird. Gutes Gedächtnis­training muss deshalb Logik und Kreativität verbinden. „Alles, was neu ist, ist gut für das Gehirn“, sagt er. Wie man übt, verrät Hofmann in seinem Hörbuch „Das merk ich mir“ (24,97 Euro). Spiel, Spaß und Lernen mit Onlinespielen!

Tipp 2: Andere Wege einschlagen

Sie nutzen jeden Tag dieselbe Route zur Arbeit? Nehmen Sie möglichst mal eine andere Verbindung mit Bus und Bahn, fahren Sie eine andere Strecke mit dem Auto oder Rad. Auch wenn es vielleicht ein Umweg ist oder nicht so schnell geht. Das Gehirn ist dann gezwungen, mal nicht im „Autopilot-Modus“ unterwegs zu sein, sondern muss sich mit einem anderen Weg auseinandersetzen.

Tipp 3: Apps für den Verstand

Statt Apps, die uns Arbeit abnehmen, mal eine laden, die den Verstand fordert. Dazu gehört „Cerebrum – Das Quiz“ (kostenlos) mit über 300 Fragen zum Allgemeinwissen. Gelöst wird gegen die Zeit. Wichtig: Fragen regelmäßig löschen und durch neue ersetzen. Sonst ist es nur noch Entspannung für den Kopf, weil die Aufgaben uns nicht mehr fordern.

Tipp 4: Zahlen verwandeln

Wer gern seine PIN vergisst, wird diese Technik lieben: Zahlen merken wir uns besser, wenn wir sie in Symbole und Emotionen verwandeln. Hof- mann rät, jeder Zahl von eins bis neun ein Symbol zuzuordnen. Die Eins ist bei ihm ein Einhorn, Sechs ein Sixpack, Acht eine Achterbahn, die Sieben ein Zwerg – wegen der sieben Zwerge. Daraus konstruiert man eine abstruse Geschichte, weil man sie sich besser merkt als Zahlen. Wer seine PIN 7816 vergessen hat, denkt an den Zwerg (7), der in die Achterbahn (8) steigt, die von einem Einhorn (1) mit Sixpack (6) gezogen wird.

Tipp 5: Geduldig knobeln

Sie können Spiele, bei denen Einzelteile in bestimmter Reihenfolge angeordnet werden müssen, damit wieder ein sinnvolles Ganzes daraus wird, nicht ausstehen? Wunderbar, dann ist es dringend an der Zeit, sich so ein Gedulds- oder Knobelspiel zuzulegen. Für das Gehirn gibt es kaum etwas Besseres, denn Sie müssen sich auf die Aufgabe konzentrieren, Lösungsmöglichkeiten ausprobieren. Ein Klassiker ist der „Zauberwürfel“ aus den 1980er-Jahren. Jede Fläche muss durch Drehen einfarbig statt bunt sein (Cubikon, ca. 18 Euro). Auch gut: 3-D-Puzzle aus Holz wie das Set mit zehn Spielen von B & Julian (ca. 16 Euro). Für alle Knobeleien gilt: Wenn Sie den Bogen einmal heraushaben, muss ein neues Spiel her.

Tipp 6: Namen merken

Kaum hat sich jemand vorgestellt, haben Sie den Namen schon wieder vergessen. Kennen Sie? Peinlich, dabei lässt sich das leicht umgehen. Merken Sie sich etwas Markantes an der Person, etwa das lange blonde Haar. Die Frau heißt Sandra. Denken Sie dabei an Sand. Dann erfinden Sie unbedingt eine absurde Geschichte dazu: Das Haar ist nur so blond, weil Sandra es immer mit Sand wäscht. Wenn sie es schüttelt, rieselt Sand heraus. Jedes Mal, wenn Sie die Person sehen, wird Ihnen diese Sandgeschichte einfallen und Sie wissen: Sand? Dann ist das Sandra. Klappt mit etwas Übung wirklich bei jedem Namen.

Tipp 7: Navigationssystem ausschalten

Schauen Sie mal wieder auf eine Karte, bevor Sie sich ins Auto setzen. Prägen Sie sich die Strecke ein. Durch die bequeme Ansage vom Navigationssystem ist unser Kopf faul geworden. Wir folgen den Anweisungen vertrauensvoll, fast „blind“, ohne nachzudenken. Dabei reicht es meistens, nur die grobe Richtung zu kennen. Für die Feinheiten müssen wir uns konzentrieren und trainieren so das Gehirn.

Tipp 8: Spielerisch trainieren

Memory hat jeder im Leben schon gespielt – die meisten allerdings zuletzt in der Kindheit. Dabei fordert es das Gehirn mit solcher Leichtigkeit, dass wir ganz nebenbei etwas für unsere Gedächtnisleistung tun. Wie wäre es mal mit einer gemeinsamen Runde „Dogs“ mit 44 Vierbeinern für alle Hundefreunde? (Remember, ca. 30 Euro). Gibt es natürlich auch für Katzenliebhaber und Pferdenarren. Gehirn-Gymnastik auf die Schnelle.

Spannend: Testen Sie sich selbst!

 
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