Das Comeback der Handarbeit Die Menschen sehnen sich nach Individualität

Selbstgemachtes boomt – weil Einzelstücke modern und schick sind, die Designerin eine von uns sein könnte und das Verkaufen im Netz so einfach ist

Die Menschen sehnen sich nach Individualität

Dass Selbstgemachtes gut ankommt, weiß auch Hannah Holzschuh, 32, aus Frankfurt/Main. Mit dem Baby wurde bei ihr die Lust auf Kreativität neu geweckt. Also nähte sie für ihre Tochter eine Patchworkdecke. Es war aufwendig, aber vom Ergebnis waren alle begeistert. Zuerst verschenkte sie ein paar, schließlich verkaufte sie ihre Decken. Heute kümmert sich die ausgebildete Erzieherin hauptberuflich um ihr Label „Zoë Navah“ – und schreibt schwarze Zahlen. Auch das Projekt von Melanie Pfennig wird immer erfolgreicher: „50 Prozent verdiene ich als Grafikerin, 50 mit meinen Produkten – aber es wird mehr.“ Warum kaufen so viele Menschen Selbstgemachtes? Rob Walker, Kolumnist der „New York Times“ und Autor des Buches „Buying In: The Secret Dialogue Between What We Buy and Who We Are“ (Der geheime Dialog zwischen dem, was wir kaufen und wer wir sind) meint: Manche seien gelangweilt von Massenprodukten, „sie wollen etwas Einzigartiges, sehnen sich nach Individualität in Zeiten, in denen das gleiche T-Shirt zwanzigmal auf der Stange hängt. Andere mögen die Idee, dass sie denjenigen kennengelernt haben, der die Tasche gemacht hat. Einige haben ethische Ansprüche: Sie denken an die Umweltfolgen und Arbeitsbedingungen global produzierender Konzerne.“ Auch bei Lebensmitteln steigt die Nachfrage nach lokalen Spezialitäten, nach Bio- und Fairtrade-Produkten stetig. Wir wollen wissen, woher unsere Nahrung kommt. In anderen Bereichen, wie etwa Mode oder Wohnaccessoires, verhalten sich die Konsumenten ganz ähnlich. Und sie sind bereit, dafür mehr Geld auszugeben. Ein Kopftuch von Glüxpfennig etwa kostet 26 Euro, ein Zoë-Navah-Kinderkleid gibt es ab 50 Euro. Der Boom der Do-it-yourself-Produkte mag auch an den neuen Vertriebsmöglichkeiten liegen.

Durch Ebay und Plattformen wie DaWanda können kleine Designer ihre Waren anbieten – ohne Ladenmiete und Anwesenheitspflicht. Problemlos lässt sich ausprobieren, welche Produkte ankommen, welche Ladenhüter sind. „Außerdem ist es günstig“, sagt Holzschuh, die selber ein Profil bei DaWanda hat, „ich hätte sonst ein teures Shop-Programm auf meiner Homepage installieren müssen.“ Aber das Internet, so der Buchautor Rob Walker, sei keinesfalls der Hauptgrund für den DIYErfolg. Jeder Kauf sei immer ein Statement: „Was wir kaufen, zeigt, wer wir sind oder wer wir gern sein wollen. Wenn wir etwas Handgemachtes kaufen, würden wir also gern mehr selber machen. Da wir aber keine Zeit haben, kaufen wir Produkte, die diese Gesinnung verkörpern. So haben wir Teil an der Idee, ohne unser Leben zu ändern.“ Den Wunsch der Menschen, wieder mehr mit der Hand zu machen, erlebt die Hamburger Kunstpädagogin Katharina Dietrich oft. Die 63-Jährige stickt Perlenschmuck, verkauft ihn und bietet sogar Workshops dazu an. Mittlerweile hat sie zwei Bücher übers Perlensticken geschrieben. Die Idee entstand in den 80er Jahren nach einem Kulturprojekt für Kinder. Dietrich sieht in der Handarbeit „Ausgleich, Kunst und therapeutische Wirkung: Beim Auffädeln der Perlen wird einem die Zeit bewusst. Es ist wie eine Entschleunigung.“ Es ist also auch eine Rückbesinnung auf Arbeit, die erfüllt – sowohl die Produzenten als auch ihre Konsumenten. Man sieht die Zeit und die Liebe, die in einem Kleid, einer Tasche oder einem handgeflochtenen Stuhl steckt. Man sieht die Leidenschaft und Muße der Selfmade- Designer. Im Vordergrund steht die Idee und das Werken, nicht der Profit.

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