Reise-Tipp Wer sieht Dämone?

Bali, Insel der Götter, ist auch ein Paradies für dämonische Störenfriede. Zum Glück gibt es weise Männer, die sie besänftigen. Etwa mit Kokosnüssen. Ortstermin bei einem Brahmanen

Wer sieht Dämone?

Gus De wohnt in Mas, einem Dorf nahe Ubud, der alten Königsstadt im Inselinneren. Sein Heim besteht aus mehreren kleinen Häuschen, die von einer Mauer umfriedet sind. Eins davon, das Gästehaus, beziehe ich. Eine Explosion aus Schnitzwerk, Goldglanz, Farben und Formen. Unwahrscheinlich harmonisch ist es in Gus Des Haus – das liege daran, sagt er, dass das ganze Gehöft auf den Vater geeicht sei. Jeder Zentimeter – Füße, Schenkel, Speiche, Elle – des väterlichen Körpers sei beim Bau des Hauses vermessen worden, und nach diesen Größenverhältnissen habe man die Proportionen ermittelt, die Abstande zwischen den Häusern gestaltet und die Längen und Höhen von Türen und Fenstern bestimmt. Leben herrscht im Hof: In der Freiluftküche wird gebrutzelt, zwei Wochen alte Hundewelpen tapsen auf dicken Pfoten umeinander, die zwei Jungs spielen Fußball.

Wie fast alle Balinesen sind Putri und Gus De tiefgläubig. Eben kommen die weiß gekleideten kleinen Söhne aus dem Haus, auch Putri und Gus De haben sich die balinesische Festtagstracht angezogen: Wir gehen in den Tempel. Mir verschlägt es den Atem ob des Farbenrausches: Wunderschön gekleidete Frauen tragen Pyramiden aus Mangos, Papayas und Orchideenblüten auf ihren Köpfen, Kinder jagen lachend durch die ausladenden Tempelhallen, vor dem golden prunkenden Heiligtum tanzen junge Mädchen ganz versunken mit grazilen Schritten.

Auf dem Vorplatz wird Tofu frittiert, Reis in geflochtenen Taschen aus Bananenblättern gekocht und Tee mit Sirup verkauft. Und alles wird überschallt und zusammengehalten durch die Musik des Gamelan, jene obertönigen und entrückenden Xylofontöne, die nie abreißen, sich nur in Nuancen verändern und eine unglaubliche Kraft entfalten. Menschen vermitteln zwischen Dämonen und Göttern, zwischen kaja und kelod. Kaja bedeutet Richtung Berge, wo der Gunung Agung, der höchste Vulkan der Insel, aufragt. Dort ist die Sphäre des Göttlichen. Alles, was zum Meer hin ausgerichtet ist, ist kelod. Im Meer haben die Geister ihren Platz. „Aber wer sieht diese Dämonen?“, frage ich Gus De. „Ich kenne einen Schamanen, Ketut, der sieht sie, er kann sogar mit ihnen sprechen“, sagt er. Nichts wie hin!

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