Zauberlehrling mit über 40 Abkehr vom Realismus

Warum Kinder- und Jugendbücher immer mehr zur Lieblingslektüre von Erwachsenen werden.

Abkehr vom Realismus

Dass besonders Fantasy bei allen Generationen so beliebt ist, erklären Experten mit der Zeitlosigkeit der Inhalte. „Abenteuer und Bewährung, die Suche nach Anerkennung, Freundschaft, Liebe – diese Themen betreffen Kinder ebenso wie Erwachsene“, sagt Thomas Kullmann. Auch Susanne Bertels, Jugendbuch- Lektorin beim Löwe-Verlag, hält Fantasy-Romane – im Gegensatz zu vielen Kritikern – keineswegs für literarische Fluchten aus dem Alltag. „Bei uns muss immer alles auch ein bisschen ,bildend‘ sein. Schon Michael Ende musste sich mit ,Die unendliche Geschichte‘ seinerzeit dafür entschuldigen, dass er eine fantastische Welt geschaffen hat. Wie schwer hatte er es, für sein Manuskript einen Verlag zu finden“, sagt die Lektorin. Erst „Harry Potter“ habe bei uns die Tür weit aufgestoßen und damit die Kinder- und Jugendliteraturlandschaft in Deutschland unglaublich bereichert – und vom Muss des Realistischen befreit.

Dass Erwachsene heute viel mehr Lust auf Jugendbücher haben, hat vielleicht auch mit gesteigerter Neugier auf unverbrauchte Welten und Mythen jenseits von Computern und Hightech zu tun. Oder mit der Sehnsucht nach klarer Ordnung in Zeiten von Chaos und Krisen. Bei aller Fantastik ist diese Literatur jedoch auch Training für unseren Alltag. „Gerade was den Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft, halten uns Kinderbücher einen Spiegel vor“, erläutert Professor Kullmann. „Sie weisen Wege auf, wie wir zu einem friedlicheren und respektvolleren Umgang miteinander gelangen können – in der Familie, in der Gesellschaft, in internationalen Beziehungen.“ Silvia Mack war 32, als sie die Welt Harry Potters fast zeitgleich mit ihren Kindern entdeckte. Heute ist sie 41 und hat ihre eigene Zauberschule im Internet gegründet. Einmal im Jahr organisiert sie mit Freunden eine Jugendfreizeit und fährt mit einer Gruppe von Nachwuchszauberlehrlingen ab 12 auf eine Burg.

„Der Roman ist ein Teil von unserem Leben geworden“, sagt Silvia Mack. Nach jedem Band hat sie mit ihren Kindern ausführlich diskutiert, wie die Handlung weitergehen könnte. Während ihr Sohn, 15, zum wandelnden Potter-Lexikon heranwuchs, begannen Silvia Mack und ihre Tochter, 17, selbst mit dem Schreiben. „Fanfiction“ – so nennt man das Ausspinnen der Geschichten mit den Helden der Lieblingsbücher – ist zu ihrem Hobby geworden. Persönlicher Rekord: Nach dem fünften Potter-Band brachte es Silvia Mack auf 700 selbst verfasste Seiten. Ihre Begeisterung für den Stoff ist ungebrochen. „Meine Kinder suchen sich bereits nebenbei neue Interessen. Bei Teenagern ändern sich Leidenschaften eben doch schneller.“

Grundsätzlich hat „Harry Potter“ für sie keine Altersgrenze. „Ich habe von einer 90-Jährigen gehört, die verrückt nach den Büchern war und Angst hatte, den siebten Band nicht mehr zu erleben.“ Die Furcht der alten Dame war umsonst – sie hat sie inzwischen alle gelesen.

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