Drei Pendler erzählen Die große Herausforderung

Stundenlange Fahrten, wöchentliche Abschiede, kein echtes Zuhause: Für den Job nehmen das unzählige Deutsche in Kauf. Mobilität gilt längst als selbstverständlich. Drei Pendler erzählen von Last und Bereicherung.

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Michaela Störr
35, Unternehmerin*, pendelt zwischen München und St. Gallen „Meist packe ich gleich zwei Koffer – einen mit Business-, einen mit Freizeitklamotten. Denn oft fahre ich von Terminen direkt zu meinem Freund in die Schweiz. In den fünf Jahren unserer Beziehung hatten wir immer zwei Wohnsitze. Anfangs war Eifersucht ein Thema. Inzwischen ist aber klar, dass wir zusammenbleiben – und auch -wohnen wollen. Nur wo, das wissen wir nicht!“ *www.lakooperativa.de

Annähernd jeder zweite Erwerbstätige in Europa hat Erfahrung mit berufsbedingter Mobilität. Das belegt die erste repräsentative Studie über deren Ursachen und Folgen in Europa, die die Uni Mainz 2008 veröffentlicht hat. Die Untersuchung offenbart eine verblüffende Erkenntnis: Hinter unserer scheinbar so selbstverständlichen Bereitschaft zur Mobilität stecke eine erstaunliche Sesshaftigkeit, sagt Dr. Detlev Lück, Mitkoordinator der Studie. „Die Menschen nehmen lieber das tägliche oder wöchentliche Pendeln über weite Distanzen in Kauf, als mit Sack und Pack umzuziehen. Dabei würde oft ein Umzug längerfristig zu einem entspannteren Leben führen.“ Denn das ständige Hin und Her schlägt oft auf Psyche und Gesundheit. Zeitverlust und Schlafmangel können auf Dauer etwa zu Erschöpfung, Kopf- und Rückenschmerzen führen.

Dr. Ralf Wieking (38) sieht am meisten das Familienleben herausgefordert. Er arbeitet wochentags als Oberstabsarzt beim Flottenkommando in Glücksburg bei Flensburg, hat dort eine kleine Wohnung. Nur die Wochenenden verbringt er bei seiner Frau und den zwei Töchtern (3 und 4) in Hamburg. „Es bedeutet einen gigantischen organisatorischen und finanziellen Aufwand, meine Abwesenheit auszugleichen.“ Von Wäsche bis Elternabend – alles hängt an Ehefrau Meiken. „Im Notfall bin ich nicht immer kurzfristig greifbar“, sagt er. Sollte allerdings sein nächster Dienstort auf mehrere Jahre angelegt sein, wird die Familie mit umziehen. „Es ist ja auch eine Bereicherung, gemeinsam Neues zu entdecken.“

Nicht zuletzt deshalb haben sich die Wiekings vor Jahren bewusst für seinen Jobwechsel vom zivilen Krankenhaus zur Marine entschieden – inklusive Pendelei oder häufigem Wohnortwechsel. „Es ist mein Traumberuf, dafür nehmen wir Nachteile in Kauf.“

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Nicole Ehlert, Sibylle Royal