Endlich kreativ Senf produzieren

Diese Frauen haben sich getraut. Hinter ihnen liegt ein alter Job, viel Sicherheit und vor allem: Langeweile. Vor ihnen liegt: ein neues Leben.

„Heute ist mein Job SINNLICH UND SINNVOLL“

Eva Osterholz

Eva Osterholz verfeinert ihren Senf mit frischen Zutaten aus der Region

Schluss mit dem grauen Büro-Alltag: Seit Eva Osterholz (37) in der Nähe von Hamburg Senf herstellt, ist sie angekommen „im echten Leben“

Wenn ich heute in meiner kleinen Produktionsküche stehe und umgeben bin von duftenden Zutaten, von Senfsaat und Essig, Bananen, Tomatenmark und Himbeeren, dann ist die Welt, in der ich mal gearbeitet habe, ganz weit weg. Bis vor vier Jahren war ich in einer Weiterbildungsfirma, habe dort Trainings für Vertriebsmitarbeiter in Banken und Versicherungen koordiniert. 50 Stunden pro Woche waren die Regel, oft saß ich länger im Büro. Mit der U-Bahn hinfahren, in den Fahrstuhl steigen, den Knopf für den 17. Stock drücken und dann bis abends in einem Raum sitzen, dessen Fenster man nicht öffnen konnte – ich fühlte mich wie abgeschnitten vom realen Leben. Von der Sonne, dem Regen, den Jahreszeiten. In der wenigen Freizeit, die mir blieb, war Kochen meine Lieblingsbeschäftigung. Mit verschiedenen Zutaten experimentieren, Kräuter auf dem Balkon anbauen, neue Rezepte kreieren, Senfsorten herstellen – das war mein sinnlicher Gegenpol zum trist-trockenen Büro-Trott.

Dass ich damit mal Geld verdienen könnte, daran habe ich zu der Zeit nicht gedacht. Ich wusste nur: Der Job ödet mich an. Mit 33 kündigte ich, ohne zu wissen, was ich machen will. Ich jobbte hier und da, machte Praktika, merkte aber schnell: Wieder im Büro, wieder feste Strukturen, wieder keine Kreativität – das will ich nicht mehr. Ich will meinen Beruf endlich genießen. Aber wie? Viele Nächte grübelte ich, kam ins Zweifeln: Sind deine Ansprüche vielleicht zu hoch? Gibt es das überhaupt: Arbeit, die Freude macht und Geld bringt? Heute weiß ich: Die gibt es!

„Warum verkaufst du deinen Senf nicht mal auf einer Messe?“, fragte mich eine Freundin. Ja, warum nicht? Innerhalb weniger Wochen erfand ich Namen für meine Sorten, produzierte Dutzende Gläser Senf – und war am ersten Tag ausverkauft. Der Erfolg überzeugte mich. Das ist es, das mach ich!

Also habe ich mir einen Teilzeitjob gesucht und die übrige Zeit genutzt, um meine Idee anzugehen. Ein Jahr lang habe ich recherchiert und probiert: Wo bekomme ich gute Zutaten her? Wie lange muss Senf haltbar sein? Wer würde den Senf kaufen? Wie viel kostet mich ein Glas, was darf es kosten?

Vor drei Jahren sind mein Mann und ich dann aufs Land gezogen, seitdem ist die Senfherstellung mein Vollzeitjob. Ich verkaufe ihn an Feinkostläden und die Gastronomie, das Geschäft läuft super. Ich bin angekommen, wo ich hinwollte: im echten Leben. Da, wo man die Natur spürt. Wo man mit den Händen arbeitet. Mein Job ist kreativ und konkret, sinnlich – und sinnvoll. Denn mit jedem Senfglas mache ich denen, die ihn genießen, eine Freude. Und das macht mich glücklich.

www.senfpauli.de

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Autor:
Claudia Minner