Die letzte ihres Standes Wenn Fehler zu Verkaufsschlagern werden

In unserer Serie stellen wir Ihnen einmal im Monat einen Handwerksberuf vor, der schon fast ausgestorben ist. Diesmal: die Zuckerbäckerin Sabine Pingel-Graßhoff aus Bendorf

 

Bonbon-Teig

Noch schaut der frisch gekochte Sirup ganz unspektakulär aus. Doch mit Farbstoff und viel Knetkraft entstehen daraus blassrosa Bonbonträume.

Entstanden ist die Sorte wie die meisten Neuentwicklungen – durch Zufall. „Meinem Vater ist eine Bonbonmasse irgendwann einmal zu weich geraten, die hätte unter der Walze geklebt.“ Statt im Müll zu landen, wurde der Teig in Lolliform geschnitten, bekam Holzstäbchen und Schoko-Haube – und war am ersten Markttag ausverkauft. „Dann musste mein Vater erst einmal überlegen, was er beim Teig eigentlich falsch gemacht hatte“, sagt Sabine Pingel-Graßhoff und lacht.

Auch sie selbst hat schon eine eigene Sorte erfunden. „Ich habe irgendwann einen Lakritzbonbon und einen Schokobrocken aufeinandergelegt – und das war so lecker, dass die Kombination im Sortiment gelandet ist“, erzählt Pingel-Graßhoff. Ihre neueste Kreation: selbst geröstete, gesalzene Pistazien mit Schokoladenmantel. „Das ist das Schöne an meinem Beruf: Ich kann als Zuckerbäckerin auch kreativ werden.“

 

Zu Besuch im Schlaraffenland

Jeden Montagnachmittag können Besucher die Zuckerwaren-Fabrik der Familie Pingel besuchen und im angeschlossenen Laden die selbst hergestellten Leckereien erstehen: Im Stüfen 4, 25557 Bendorf/Oersdorf (Schleswig-Holstein).

Doch selbst das süße Leben wird regelmäßig stressig, besonders vor Ostern und Weihnachten. „Auf den Märkten ist dann unglaublich viel los, die Kunden bestellen eine Menge Süßigkeiten – und wir kommen mit der Produktion kaum nach.“ Das bedeutet für die Zuckerbäckerin ganzen Einsatz: um drei Uhr morgens aufstehen, arbeiten bis mindestens abends um acht, und das sieben Tage in der Woche – über zwei Monate hinweg. Die Frage, ob ihr die Arbeit dann einmal zu viel wird, verbieten Sabine Pingel-Graßhoffs strahlende Augen. Und die Erzählungen, die aus ihr heraussprudeln: „Klar ist es viel Stress. Aber hier macht alles Spaß. Vor Weihnachten ganz besonders die Sonntagvormittage: Da ist es ruhig – genau die richtige Zeit, um mit meiner Mutter ,Handstöcker‘ zu drehen. Das sind gebogene Zuckerstangen, die wir einzeln verpacken.“ Sie glaubt daran, diese Tradition irgendwann mit ihren Töchtern fortsetzen zu können, die heute zwölf und 14 Jahre alt sind. „Meine Eltern haben stets gesagt: Macht, was ihr wollt – aber wisst: Bei uns seid ihr immer willkommen. Das fand ich fair, so werde ich es auch machen.“

 

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