7. Januar 2021
Bjarne Mädel im Interview: "Ich habe Angst vor Zufriedenheit"

Bjarne Mädel im Interview: "Ich habe Angst vor Zufriedenheit"

"Stromberg", "Tatortreiniger", "Mord mit Aussicht": Skurrile Charaktere spielt wohl kaum jemand so überzeugend wie der bei Hamburg aufgewachsene Bjarne Mädel. In seinem neuen Film „Feinde“ (ARD Mediathek) brilliert er auch als Kommissar, der eine folgenschwere Entscheidung trifft – und sich zwischen Recht und Gerechtigkeit entscheidet. Am 20. Januar ist außerdem sein Regiedebüt "Sörensen hat Angst" in der ARD zu sehen. Lesen Sie das spannende Interview mit dem beliebten Schauspieler!

FS: Ihre Figur foltert einen Verdächtigen, um herauszufinden, wo ein entführtes Kind ist. Haben Sie Verständnis dafür? 

Wenn ich ein Kind retten könnte, würde ich alles dafür tun. Anfangs war ich mir sicher: Emotional habe ich jeden auf meiner Seite. Im Laufe der Gerichtsverhandlung habe ich nicht nur in der Rolle, sondern auch als Bjarne Mädel gedacht: Der Anwalt hat recht. Ab wann darf man welche Methode einsetzen und wer soll das entscheiden? Das eigenmächtige Handeln des Polizisten öffnet ja Willkür und Machtmissbrauch Tür und Tor. Es gibt da einen Gegensatz zwischen dem Gerechtigkeitsempfinden des Einzelnen und dem Recht, das sich eine Gesellschaft erarbeitet hat. Auch wenn das in der Konsequenz manchmal schwer zu ertragen ist. 

FS: Wie war die Waterboardingszene für Sie?

Es war hart, das zu machen. Beim Drehen hatten wir Codes vereinbart, falls es Franz Hartwig, der den Verdächtigen spielt, zu viel wird. Nach dem letzten Take war ich sehr dünnhäutig und musste weinen. Ich habe sinnlich erfahren, was Menschen Menschen auf der Welt antun, jeden Tag. Es ist einfach furchtbar.

FS: Der Polizist folgt seiner Intuition. Wann können Sie sich auf Ihre verlassen?

Im Job zum Beispiel. Wenn ich Rollen ab oder zusage. Oder beim Autofahren. Wenn man plötzlich langsamer wird, weil man so ein Gefühl hat – und dann tatsächlich der entgegenkommende Lkw ein Stück zu weit auf die eigene Spur kommt. 

FS: Am 20. Januar (ARD, 20.15 Uhr) läuft Ihr Regiedebüt „Sörensen hat Angst“, bei dem Sie auch die Hauptrolle spielen. Was war da die größte Herausforderung?

Vor dem Dreh dachte ich, dass ich dabei zu sehr als Regisseur beobachte und kontrolliere, während ich spiele. Das konnte ich dann aber doch gut abstellen. Und: dass man in dieser Doppelfunktion eine größere Verantwortung hat – gegenüber dem Team und der Vorlage. Eine künstlerische und eine ganz konkrete. Kommissar Sörensen hat eine Angststörung.

FS: Mit welchen Ängsten kämpfen Sie? 

Ich habe Angst vor Zufriedenheit. Dass man sich nicht mehr weiterentwickelt. Dass man satt ist und innerlich aufgibt. Allerdings kann ich heute auch genießen, wenn mir was gelungen ist, auch wenn ich sehr selbstkritisch bin. Und ich habe natürlich Angst vor dem Tod.

FS: Stimmt es, dass Sie schon einmal eine Nahtod-Erfahrung hatten?

Ja, das stimmt. Vor einer OP gab es Komplikationen, und ich wurde ohnmächtig. Die Grenze ging direkt durch meinen Körper: In der hinteren Hälfte war es extrem laut, grell und stressig. Vor mir die Nasenspitze lag im Dunkeln. Es fühlte sich an, wie auf einem Ein-Meter-Brett im Schwimmbad zu stehen. Ich wusste: Springe ich ins Dunkle, habe ich Ruhe. Das war sehr beruhigend ... Dann bin ich aufgewacht. 

FS: Warum fürchten Sie sich trotzdem?

Es hat für mich etwas Unerklärliches, nicht mehr da zu sein. Deswegen spiele ich auch so gerne: Da kann ich mich fallen lassen und bin mir gleichzeitig meines Daseins bewusst. Beim Schauspielen gibt es eine große Energie des Moments. Man lebt und merkt es. Ihre oft schrulligen Figuren sind Kult.

FS: Was macht Ihre Komik besonders?

Man muss die Figuren und ihre Situationen ernst nehmen. Etwa bei einer Szene mit einem Klappstuhl: Gibt es ein ernsthaftes Verlangen, sich setzen zu wollen, wird der Kampf mit dem Objekt komisch. Versuchen Sie nur, lustig zu sein, wird das meistens nichts. 

FS: Ihr Regiedebüt spielt an der Küste. Was mögen Sie am norddeutschen Humor? 

Die Lakonie. Das Wortkarge. Wenn jemand den ganzen Abend nichts sagt – und dann den einen treffenden Satz zur richtigen Zeit. Ich mag es, wenn man sich die Pointe verdient hat. Und ich mag Pausen: Sie gehören zur Musik.

FS: Ihre Frau ist Französin – mag sie diesen speziellen Humor auch?

Ich könnte mit niemandem zusammen sein, der nicht über mich lachen kann. Oder nicht mir zuliebe so tut, als ob.

FS: Welche Eigenschaft bewundern Sie an Ihrer Partnerin am meisten?

Courage und Rückgrat. Ich mag Menschen, die wie sie eine Haltung haben und nicht nur eine Meinung.

Kurzvita Bjarne Mädel

Als Teenager lebte der heute 52-jährige Schauspieler mit seinem Vater über ein Jahr in Nigeria, studierte Creative Writing in Kalifornien und später Schauspiel in Potsdam. Heute wohnt Bjarne Mädel mit seiner Frau in Berlin. 

Interview: Sörre Wieck

 

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