7. April 2011
Ayurveda-Kur in Indien

Ayurveda-Kur in Indien

Unsere Autorin Bettina Winterfeld brauchte dringend eine Auszeit – und fuhr nach Indien zur Ayurveda-Kur. 14 Tage, die ihr Leben veränderten.

Eine Frau meditiert im Lotussitzin Indien mit Blick auf Tal
© iStockphoto
Ayurveda-Kur in Indien

Das Licht kriecht langsam durch die Bäume, der Rasen ist noch kühl, der Tag noch im Werden. Um sechs Uhr morgens auf den Beinen zu sein, in einem tropischen Garten, fühlt sich fremd an. Es ist vollkommen still. „Don’t let the silence disturb you“, den seltsamen Satz hatte ich gelesen – auf einem Schild im Palast, zu dem dieser Park gehört. Kann Stille stören? Sie kann, sie macht lauter, was wir sonst vor lauter Hektik nicht hören. Weil ich Stress-Symptome habe und einen nervösen Magen, bin ich hier, im „Kalari Kovilakom Resort“ nah am Meer im südindischen Bundesstaat Kerala. Eine Region, in der vor rund 5000 Jahren eine der ältesten Heilslehren der Welt entstanden ist: Ayurveda. Das Sanskritwort steht für „Wissen vom Leben“. Zwei Wochen wird meine Regenerationskur dauern.

Zwei Wochen, in denen ich vieles abstreife und aufgebe, was normalerweise zu mir gehört: Meine Schuhe tausche ich gegen Bastsan - dalen – Leder als tierisches Produkt ist hier tabu. Statt Jeans und Shirt trage ich eine weiße Kurta, ein weites Etwas aus Baumwolle. Beim Eintritt ins Re sort lasse ich meinen westlichen Lebensstil zurück. Hier heißt es: kein Fleisch oder Fisch, keine Eier, kein Alkohol, null Nikotin und Kaffee. Keine Seife. Kein Sex. Kein Fernseher oder Telefon. Auf alle Ablenkungen zu verzichten ist Teil der ayurvedischen Therapie. Ich soll mich voll auf mich selbst konzentrieren. Ob ich das wirklich kann?

Der Tag beginnt mit Ingwerwasser

Der Tag beginnt mit Ingwerwasser

Ein hochgewachsener Mann in knöchellangem Wickelrock begrüßt mich: „Welcome, Bettina, my name is Sri“, sagt er und legt mir eine Kette aus Jasminblüten um den Hals. Der erste Tag beginnt mit Vogelgezwitscher und einem Glas warmem Ingwerwasser im Speisesaal. Ich sitze allein am polierten Holztisch, keiner da, nur ich und die Stille um mich herum. Und eigentlich ist es gar nicht sie, die mich stört, sondern meine innere Unruhe, die durch sie lauter wird. Kann eine Ayurveda-Kur unser inneres Radio leiser drehen? Die meisten Schulmediziner zweifeln das an, aber jede Menge positive Erfahrungs berichte sprechen dafür. Auf dem Weg zur ersten Untersuchung begegnet mir ein schweigendes Trüppchen Mitpatienten. Nur Mut, sagt ihr Lächeln.

Doktor Kanrihala Jouhar, Anfang 40, ist in westlicher und östlicher Medizin ausgebildet. Er hört mich mit dem Stethoskop ab, misst meine Temperatur und minutenlang meinen Puls. Er betrachtet ganz genau Nägel, Haut und Haare, tastet Organe und Gelenke ab, untersucht meine Zunge. Spröde sei sie und belegt, ein möglicher Hinweis auf eine Störung meiner Vata-Energie, erklärt der Arzt. Laut ayurvedischer Lehre sind wir bestimmt von drei Doshas – Energieströmen: Das Dosha Vata symbolisiert die Elemente Luft und Erde und ist dem Bewegungsapparat zugeordnet. Pitta steht für Feuer und Wasser und steuert den Stoffwechsel. Kapha für die Wasserund Erdkräfte, es ist für die Versorgung von Zellen und Gewebe zuständig.
Jeder Mensch verfügt über alle drei Doshas, aber jeder in einer anderen Mischung, die von Geburt an festgelegt ist. Vata-Typen sind eher zier lich, Pitta-Typen athletisch und Kapha-Typen etwas kräftig gebaut. Falsche Ernährung, Krank heiten und Stress können das Gleich gewicht der Energieströme stören. Vata-Typen neigen dann zu Rückenproblemen, Pitta-Typen zu Entzündungen und Kapha-Typen zu Atemwegserkrankungen.

Essen ist Medizin

Das Essen ist hier Medizin

Ich soll viele Kräuter zu mir nehmen. Und jeden Morgen auf nüchternen Magen Ghee trinken, flüssige Butter. „Das wird Ihre Vata-Pitta-Konstitution ins Lot bringen. Ihr Geist wird erfrischt und Ihr Körper verjüngt sein“, meint Doktor Jouhar. Dass mein Magen dann aber gegen Ghee rebelliert, nimmt er gelassen und gibt mir eine vergleichsweise wohlschmeckende Ersatz-Substanz zu trinken. Eine Stunde später habe ich das Gefühl, jedes einzelne Haar auf meinem Kopf zu spüren – ein erstes Zeichen der Besserung, sagt der Arzt. Die Stille wird hier zum vertrauten Begleiter, meistens ist man für sich. Nur zu den drei Mahlzeiten treffe ich meine Mitpatienten.

So viel, wie zwei Hände fassen können, dürfen wir essen. Das ist nicht viel, aber es wird immer schön angerichtet auf Bananenblättern: Getreidefladen, Linsen, Gemüse und Obst. Wir kauen langsam, Nahrung ist hier Medizin. Wir tragen alle die gleiche weiße Kleidung, haben die gleichen Tücher um unsere öligen Haare geschlungen, wir fühlen uns verbunden trotz ganz unterschied - licher Gründe, hier zu sein: Ayse aus Istanbul möchte ihre Scheidung ver - arbeiten, der Pariser Galerist Lucien will nach einem Burnout sein Leben neu ordnen und Jill aus Sydney mit dem Rauchen aufhören.

Entspannte Ganzkörper-Ölmassage

Hände walken, salben, streicheln mich

Die Tage vergehen gleichförmig, sie beginnen bereits im Morgengrauen, aber zu meiner Überraschung komme ich mühelos aus dem Bett. Yogastunde, Obst-Frühstück, dann die erste Behandlung: Abhyanga, eine Ganzkörper-Ölmassage. Zwei Therapeutinnen übergießen meinen Körper literweise mit Öl, vier Hände walken, salben, klopfen und streicheln mich. Ich rutsche und flutsche hin und her, fühle mich, als würde ich schweben – in einer Wolke aus Wärme und Behagen. Ich mag auch die Shirodhara-Behandlung: Dabei liege ich auf dem Rücken, während warmes Kräuteröl auf meine Stirn rinnt. Das soll Kopfschmerzen und Schlafstörungen vertreiben.

Gegen zehn Uhr halte ich einen Vormittagsschlaf, esse dann zu Mittag, schlafe wieder. Später schmökere ich in der Bibliothek in alten Yogaschriften, döse unter Palmen. Am Spätnachmittag entspanne ich mit Yoga Nidra, einer geführten Meditation. Dabei soll ich für mich ein Sankalpa formulieren, einen Vorsatz oder Wunsch. „Ein Sankalpa verwirklicht sich immer, weil du es tief in deinem Unterbewusstsein verankerst“, verspricht Venod, mein Yogalehrer. „Ich möchte wiederkommen“, lautet mein Vorsatz.

Ich passe wieder in meine Jeans

Ich passe wieder in meine Jeans

Ayurveda in Kerala:

Das Resort „Kalari Kovilakom“

Der ehemalige Königspalast aus dem 19. Jahrhundert liegt abgeschieden in einem Hochtal im Hinterland von Kerala. Er wurde einst von einer jungen Prinzessin bewohnt, die den Launen ihrer Familie entkommen wollte. Heute lassen hier Westler die Hektik ihres Alltags hinter sich. Der Palast hat 18 Suiten. Die Mindestdauer einer Kur beträgt 15 Tage (ab 4305 Euro inkl. Hin- und Rück flug, Transfer zum Resort und Vollpension), noch besser sind drei bis vier Wochen (Kollengode, Palakkad, www.kalarikovilakom.com).

Lust auf eine Kur?

Ayurveda-Spezialist „Lotus Travel“ organisiert alles vom Flug bis zum Resort (www.lotus-travel.de).

Venod erklärt, wie sich Körper und Geist durch bewusstes Atmen und Meditation beruhigen. „Täglich kreisen 60000 Gedanken durch unseren Kopf, die meisten sind Wiederholungen. Wenn du sie ohne Bewertung registrierst und vorbeiziehen lässt, kannst du aus der Grübelfalle aussteigen“, sagt er. Nach dem Abendessen sehen wir dem Therapeuten beim rituellen Schwerterkampf Kalaripayattu zu und lauschen einem Konzert mit klassischer Sitar-Musik im Palastgarten. Dann herrscht wieder große Stille. Tag für Tag habe ich sie mehr liebgewonnen, und meine 60000 Gedanken, sie sind tatsächlich leiser geworden.

Seit einem Monat bin ich nun wieder zu Hause, entspannt, gelassen, nichts ist mir seither auf den Magen geschlagen. Meine Haut fühlt sich bis heute an wie Buttercreme, und endlich passe ich auch wieder in meine Lieblingsjeans, ohne die Luft anhalten zu müssen. Ich mache noch immer täglich Yoga, verzichte weitgehend auf Fleisch und achte auf eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Beim Frühstück atme ich tief ein und aus und denke an mein Sankalpa. Dann nehme ich meine Tasse Kaffee – und genieße Schluck für Schluck des verbotenen Getränks. Einen Grund brauche ich ja, um nächstes Jahr wieder nach Kerala zu fahren.

Marina Bay Sands, Singapore
Dies sind die zehn schönsten Spas der Welt. Ob in Asien, Australien, den USA oder in Deutschland, eines haben sie alle gemeinsam: atemberaubende Ausblicke.
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