Report Volkssport Marathon

Sie rennen 42,195 Kilometer zu Fuß und ohne Pause – freiwillig. Tausende von Frauen und Männern schnüren sich jetzt die Laufschuhe, um bei den großen Veranstaltungen zu starten. Warum tun sie sich die Strapaze an?

Volksport Marathon Volkssport Marathon © Serguei Kovalev-Fotolia

Ehrgeiz

Heide Suski begann eigentlich nur mit dem Joggen, weil die Waage zehn Kilo zu viel anzeigte. Als die 40-Jährige eine Stunde am Stück laufen konnte, war der Ehrgeiz der Hanseatin geweckt: „Jahrelang bewunderte ich als Zuschauer die Marathonläufer. 2008 wollte ich erstmals selbst meine eigenen Grenzen erfahren.“ Zu sehen, wann man am Ende der eigenen Kräfte ist, und die Erfahrung, dass man diese Tiefen überwinden kann, das sind Erlebnisse, die der Alltag heute nicht mehr bietet – wonach sich aber offensichtlich viele sehnen.

„Ein Marathonabsolvent spürt noch Tage danach, wie sehr er sich verausgabt hat. Diese Mischung aus körperlichem und psychischem Erleben ist unglaublich stark“, sagt Wessinghage. Und dieses Auf und Ab bedeute für Marathonläufer tatsächlich viel mehr als die Ausschüttung der Glückshormone, die man beim sogenannten Runners High erleben kann. Auch Sportpsychologe Marlovits betont die Kraft der Krisen: „Irgendwo zwischen Kilometer 25 und 40 rennt jeder Teilnehmer in ein Tief.

Dadurch lehrt Marathon Demut. Und in unserer entgöttlichten Kultur holt man sich diese Erfahrung eben sonntags beim Lauf-Event statt in der Kirche.“ Ein letztes Argument für den Marathon liefern diejenigen, die am Straßenrand stehen – schwankend zwischen Begeisterung und Kopfschütteln. Denn die Zuschauer treiben an, spenden Kraft, und ihr Applaus ist gut fürs Ego.

Marlovits: „Wer sich auf seinem Leidensweg Hilfe von außen holt, statt – wie üblich in unserer Ego-Gesellschaft – es allein durchziehen zu wollen, der erfährt am Ende ein unglaubliches Glücksgefühl.“

Warum muss es im neuen Jahrtausend der mühevolle Dauerlauf sein?

Auch hier passt Wessinghages These von der zeitgemäßen Sportart: Die Leistungsgesellschaft ist in der Freizeit angekommen. Wer es im Job gewohnt ist, zielorientiert zu handeln, dem fällt es auch im Sport leicht und der sucht geradezu nach solchen Gipfeln, die es zu erklimmen gilt. Fast paradoxerweise braucht man die sogar zur Entspannung. Die Lehrerin Heide Suski zum Beispiel beschreibt ihr Alltags-Zen-Erlebnis so: „Bei Schmuddelwetter frage ich mich oft, warum ich mir das antue. Aber wenn ich nach einem harten Arbeitstag laufen war, geht es mir hinterher wieder richtig gut.“ Das ist auch einer der Gründe, warum viele Führungskräfte sich beim Marathon messen.

„Die monotone Aktivität ist gerade für Menschen, die im Alltag unter starker Anspannung stehen, extrem erholsam“, weiß Sportpsychologe Dr. Andreas M. Marlovits, Autor des Buchs „Lauf- Psychologie“ (LAS-Verlag). Für Nichtläufer klingt Marathontraining furchtbar öde, nach der Wiederholung des ewig Gleichen. Die 40-jährige Suski, die jetzt gerade vor ihrem zweiten Marathon steht, vertreibt sich die langen Laufzeiten mit Hörbüchern, rennt mit der Laufgruppe vom Sportverein oder lässt sich von Freunden auf dem Rad begleiten.

Dieser riesig große Zeitraum, den man mit einer Aktivität verbringt, hat gleichzeitig als fixer Programmpunkt im Alltag aber auch etwas Befreiendes, erklärt Psychologe Marlovits: „Weil es gerade Frauen neben Familie und Beruf guttut, diesen Raum für sich selbst zu beanspruchen und nach eigenem Gefallen zu gestalten.“ Es gibt wenige Hobbys, die einem tatsächlich diese ersehnte Zeit für sich fast aufzwingen – mit erfreulichen Nebenwirkungen für andere. So erzählt die Marathonerfahrene Gabriele Paul: „Meine Familie weiß, dass ich das Laufen brauche. Sie haben so eine glückliche, zufriedene und ausgeglichene Mutter und Frau.“

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Autor:
Sibylle Royal