Essen nach Gefühl

Essen nach Gefühl

Oft fressen wir Frust und Wut nicht nur sprichwörtlich in uns hinein und nehmen deshalb kräftig zu. Eine neue Therapie kann helfen

Essen nach Gefühl
© CasarsaGuru/iStock
Essen nach Gefühl

Die Tüte Nachos mit Dip nach einem nervenaufreibenden Arbeitstag. Die Tafel Schokolade nach dem Streit mit dem Partner. Der Nachschlag-Teller von Mama, die darauf besteht, dass wir auch jenseits der Pubertät noch groß und stark werden müssen. Es gibt viele Situationen, in denen wir essen, obwohl wir gar nicht hungrig sind – und uns dabei die Kilos zu viel anfuttern, die dann wiederum die Lust am Blick in den Spiegel vermiesen. Mediziner, Psychologen und Ernährungswissenschaftler nennen neben Genen, Hormonen und Lebenswandel auch unser Seelenleben als eine Ursache von Übergewicht. Schon Säuglinge erleben, dass Trost, Geborgenheit und andere positive Gefühle oft mit Nahrungsaufnahme einhergehen. Und so essen wir auch als Erwachsene gern mal Trüffel gegen Liebeskummer oder Chips gegen Existenzängste.

Die US-Therapeutin Geneen Roth plädiert in ihrem Buch „Essen als Ersatz: Wie man den Teufelskreis durchbricht“ (Rowohlt, 8,95 Euro) für mehr Eigenliebe und weniger Essensbeschränkungen: „Wer seine Fettpolster akzeptiert, kann sich einfacher dauerhaft davon trennen.“ Maria Sanchez, Hamburger Psychotherapeutin und Autorin des Buches „Sehnsucht und Hunger“ (Envela Verlag, 19,90 Euro), geht noch einen Schritt weiter: „Wir brauchen nicht das Essen, wir suchen den emotionalen Effekt, den Essen auf uns hat.“ Die 40-Jährige hat die Therapie „Sehnsucht und Hunger“ entwickelt, die mittlerweile so erfolgreich ist, dass einige Krankenkassen die Seminarkosten anteilig tragen.

Essmuster erkennen


ESSMUSTER ERKENNEN

„Als ich vor Jahren nach vielen gescheiterten Diäten anfing, mich mit den tiefer liegenden Gründen meines Essverhaltens zu beschäftigen, war es so, als hätte mir jemand einen verloren geglaubten Schlüssel zurückgegeben“, erinnert sich Sanchez. Plötzlich sei ihr Körper nicht mehr etwas gewesen, das sie disziplinieren musste, sondern ein Kompass, der ihr zeigte, wo sie sich auf ihrer inneren Landkarte befand und wie sie sich, wenn sie sich verirrt hatte, wiederfinden konnte. Die Folge: Maria Sanchez nahm 30 Kilo ab und hält seit Jahren ihr Gewicht ohne jede Diät. „Wer emotional isst, hat gute Gründe dafür“, erklärt Maria Sanchez. In ihren Seminaren gibt es weder „innere Schweinehunde“ noch Charakterschwäche und Maßlosigkeit zu besiegen. Sanchez arbeitet vielmehr mit den fast ausschließlich weiblichen Teilnehmern daran, individuelle emotionale Essmuster zu erkennen und zu verändern.

Wandel von Innen


WANDEL VON INNEN

Der Schwerpunkt liegt nicht nur auf Gesprächen. „Angst, Einsamkeit und Wut machen sich als physische Spannungen oder Erstarrungen bemerkbar. Diese lassen sich auflösen“, so die Therapeutin. Zuerst muss man lernen, körperlichen und emotionalen Hunger voneinander zu unterscheiden. Das körperliche Bedürfnis zu essen spürt man unterhalb des Solarplexus – dem Nervengeflecht im Bauch, das bestimmte Funktionen von inneren Organen reguliert. Emotionaler Hunger hingegen wird oberhalb des Solarplexus wahrgenommen, oft als eine Art Gewicht auf der Brust.

In einer Übung soll man deshalb bei starkem Essensdrang die Augen schließen und versuchen, den Hunger zu lokalisieren und zu visualisieren. Handelt es sich um Ersatzhunger, melden sich mit den körperlichen Symptomen auch Gefühle, die überraschend stark sein können, etwa Trotz, Traurigkeit oder Wut. „Viele Klienten berichten über Hilflosigkeit“, sagt Maria Sanchez. „Sie fühlen sich wie fremdgesteuert und essen einem Automatismus folgend weiter, obwohl sie satt sind.“

In Sanchez’ Seminaren gehen sie Glaubenssätzen und Familientraditionen aus der Vergangenheit auf den Grund. Sanchez’ Klienten lernen so Schritt für Schritt, mental und auch physisch auf ihr Hungergefühl zu reagieren – mit Bewegungen, Berührungen, Körperhaltungen: „Für jeden gibt es eine individuelle Lösung“, so die Therapeutin. Das jeweilige Wohlfühlgewicht halte sich dabei nicht unbedingt an BMI-Werte, sondern könne bei Größe 44 liegen. Mit einfachen Schritten kann jeder sein emotionales Essverhalten auch für sich analysieren (siehe nächste Seite). In Sanchez’ Praxis entwickeln viele den Mut, ihr Leben komplett zu verändern: „Einige ziehen um, wechseln Arbeitsplatz oder Beruf, trennen sich oder binden sich neu.“

Das Notfall-Programm


DAS NOTFALL-PROGRAMM BEI HEISSHUNGER

Mit diesen Schritten von Maria Sanchez kommen Sie emotionalem Essen auf die Spur

Ziehen Sie sich zurück an einen ruhigen Ort. Machen Sie es sich bequem. Schließen Sie die Augen und fühlen Sie für einen Moment Ihren Atem. Nehmen Sie Ihren Körper wahr. Wie würden Sie Ihre Stimmung beschreiben?

Lokalisieren Sie den Appetit oder plötzlichen Heißhunger.

Rekapitulieren Sie die letzten Stunden. Hat Sie etwas aufgebracht? Hat jemand etwas gesagt oder getan, was Sie verletzt hat? Fühlen Sie sich gerade sehr unter Stress gesetzt? Versuchen Sie dem, was Sie in diesem Moment empfunden haben, Ausdruck zu geben; entweder als innerer Monolog oder laut untermalt mit Handbewegungen und Gesten.

Spüren Sie in sich hinein. Wie haben sich Gefühle und Bedürfnisse verändert? Öffnen Sie die Augen, bewegen Sie Arme und Beine und atmen Sie ein paar Mal tief durch.

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