Kinderlose Frau Mit Schamgefühl und Vorwürfen umgehen

Mit ungewollter Kinderlosigkeit umzugehen ist eine Lebensaufgabe. Sagt die Psychologin und systemische Familientherapeutin Heike Stammer. Sie hat einen psychologischen Ratgeber für Paare geschrieben, deren Wunsch nach einem eigenen Kind (noch) nicht in Erfüllung gegangen ist.

Wie kann eine Frau mit dem Schamgefühl umgehen, dass sie nicht in der Lage war, ein Kind zu gebären?

Für mich ist es immer wichtig den Frauen mitzugeben, dass es eigentlich keine besondere Leistung ist, schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen. Es ist ein Geschenk, das leider manchen Frauen verwehrt wird. Die Fähigkeit Kinder zu bekommen, qualifiziert auch nicht automatisch zur Elternschaft. Nicht wenige Paare, die das Glück hatten, ohne Probleme Kinder zu bekommen, scheitern an der Erziehungsaufgabe und sind von dem Alltag mit Kindern vollkommen überfordert. Wichtig ist mir die Botschaft: Paare, die Kinder bekommen, haben es nicht verdient, weil sie die bessere Eltern sind.

Manche Frauen machen sich Vorwürfe, dass sie die Familienplanung so lange hinausgeschoben hat, bis es zu spät war ...

Solche Gefühle sind verständlich. Doch jede Frau sollte wissen, dass nicht sie individuell versagt hat. In der Gesellschaft, in der wir heute leben, gibt es gute, objektive Gründe, eine Schwangerschaft nach hinten zu verschieben. Wir wissen, dass junge Männer heute immer weniger bereit sind, sich auf eine lebenslange Verantwortung für eine Familie einzulassen. Und die aktuelle Familienpolitik signalisiert Frauen klar, dass sie die Ehe nicht länger als Versorgungsinstanz betrachten darf. Das alles hat zur Folge, dass immer mehr Frauen sich erst um eine gute Ausbildung und ein sicheres berufliches Standing kümmern, bevor sie daran denken, Kinder zu bekommen. Wir müssen als Gesellschaft einen Weg finden, Frauen aus diesem Dilemma rauszuhelfen.  

Wie kann ein Paar damit umgehen, wenn die Kinderlosigkeit von einem der Partner wesentlich schmerzlicher empfunden wird als von dem anderen?

In der Beratungsarbeit versuchen wir zu vermitteln, dass eine unterschiedliche Bewältigung nicht zwingend eine Belastung sein muss, sondern auch als Ressource für das Paar erlebt werden kann. Viele Männer fühlen sich dem Leid ihrer Frauen gegenüber hilflos und versuchen die starke Schulter zu sein, an die die Frau sich anlehnen kann. Die Frauen nehmen dieses Verhalten dann als mangelndes Einfühlungsvermögen wahr oder gewinnen den Eindruck, dass dem Mann der Kinderwunsch gar nicht so wichtig war. Gibt es solche Verstrickungen, kann eine Paarberatung sehr hilfreich sein, diese Kommunikationsknoten wieder zu entwirren. Der Mann kann sich dann leichter erlauben, seinen Kummer über die Situation zu zeigen und erlebt sogar, dass es für seine Frau eine Entlastung sein kann, nicht immer diejenige sein zu müssen, die das Leid ausdrücken muss.

Gehen Männer und Frauen grundsätzlich unterschiedlich mit der ungewollten Kinderlosigkeit um? Oder ist das mehr eine Frage der Persönlichkeit?

Es hängt sowohl von der Persönlichkeit als auch vom Geschlecht ab. Für Frauen sind Kinder oft noch identitätsstifender als für Männer. Aber es gibt natürlich auch Konstellationen, wo die Männer stärker leiden. Häufig, wenn sie selbst die definitive Ursache für die Kinderlosigkeit sind. Seiner Frau kein Kind schenken zu können, ist gerade für eher depressiv strukturierte Männer schwer zu verkraften. Gleichzeitig fällt es Frauen häufig sehr viel leichter, sich professionelle Hilfe zu suchen. Männer haben meist deutlich weniger Möglichkeiten, sich ihren Kummer von der Seele zu reden.

Man hört nie auf, kinderlos zu sein. Welche Bewältigungsstrategien können helfen, wenn der Schmerz bleibt oder immer wieder hervorkommt?

Der erste Schritt ist, den Schmerz zu akzeptieren. Menschen, die bei bestehendem Kinderwunsch auf ein eigenes Kind verzichten müssen, erleben häufig eine ähnliche Trauer wie Menschen, die ein Kind verloren haben. Von denen erwarten wir auch nicht, dass dieser Schmerz aufhört. Er gehört zu ihrem Leben dazu und hinterlässt Narben, die sich immer wieder melden. Wir wissen, dass eine bewusste Neuorientierung auf andere Lebensziele bei der Bewältigung hilft. Eine Einzel- und/oder eine Paarberatung kann diesen Prozess unterstützen und vorantreiben.

Buchtipp:
Heike Stammer/Tewes Wischmann: „Der Traum vom eigenen Kind - Psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinderwunsch (Rat und Hilfe)“, 188 S., Kohlhammer, 19,90 Euro

 

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