Fehlende Muttergefühle Der Weg zur Heilung

Kein Gefühl für das eigene Baby, stattdessen nur Leere, Verzweiflung und Erschöpfung: Aus Scham sprechen die meisten Betroffenen nicht darüber. Nina Buntschuh (32) war mutig genug, uns von ihrer Krankheit zu erzählen.

„Ich lernte, Leons Haut zu spüren, den Babyduft zu lieben“

Ich fühlte mich überflüssig. Manchmal hatte ich den Eindruck, Steffen verachtete mich, weil ich nicht wie eine normale Mutter funktionierte. Er musste mit seinen Kräften haushalten, ging früh zu Bett. Zwischen uns war Funkstille. Ich war dankbar, dass er mir wenigstens keine Vorwürfe machte, mich einfach in Ruhe ließ. Zusätzlich zur Gesprächstherapie begann ich mit einem Verhaltenstraining. Leon musste dabei sein. Es ging darum, einen besseren und entspannteren Kontakt zum Kind aufzubauen. „Kommen Sie ruhig näher“, verlangte die Therapeutin, die meinen Sohn auf die Wickelkommode legte. „Schauen Sie mal, wie zufrieden er lächelt. Leon braucht doch seine Mutter.“

Ich hatte Mühe, meinen Fluchtreflex im Zaum zu halten. Ja, eigentlich ist er ganz süß, dachte ich, wie er so sein Mündchen schürzt. „Nehmen Sie mal das kleine Händchen – er kann schon ganz fest zugreifen“, animierte mich die Therapeutin. In den nächsten Trainingsstunden lernte ich Leons weiche Haut zu spüren, seinen süßen Babyduft zu schnuppern und Schritt für Schritt Körperkontakt zuzulassen. So kamen wir uns näher, mein Sohn und ich. Für mich war dieses Training wie eine Mutprobe, die all meine Kraft erforderte.

Inzwischen freute ich mich, wenn ich ihn auf den Arm nehmen und durchs Zimmer tragen durfte. Ja, durfte. Denn Miriam sah das nicht so gern. Sie traute mir wohl nicht so ganz. Einmal, als sie bereits wegmusste, bevor Steffen zu Hause war, machte ich allein mit Leon im Kinderwagen einen Rundgang um unseren Häuserblock. In diesem Moment spürte ich zum ersten Mal einen Anflug von Stolz auf mein süßes Baby. Ich wusste, das Eis zwischen uns war gebrochen. Und das machte mich sehr glücklich.

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