Selbstverwirklichung, Glück finden
Mehr Mut zum ICH
Selbstverwirklichung ist nicht leicht. Aber wer seine Bedürfnisse erkennt, stellt fest, wie gut ein Stück gesunder Egoismus tut.
Alles ist erlaubt, auffallen ist gewollt: Einige Frauen übersieht man nicht. Sie lieben rote Haare und große Ketten, grelle Muster, schräge Schnitte. Wir schauen ihnen auf der Straße heimlich hinterher und denken dabei: Mensch, wie mutig. Sie wirken so selbstbewusst. Als ob sie genau wüssten, wer sie sind. Als ob sie haben, wovon wir nur träumen: ein Ego, zu dem sie stehen. Wenn wir von Selbstverwirklichung reden, ist damit nicht gemeint, einfach nur aus der grauen Masse schillernd hervorzustechen. Die eigene Kreativität zum Ausdruck bringen, die innersten Bedürfnisse ausleben – das läuft meist viel unspektakulärer ab: Man lebt an einem Ort, an dem man sich gern aufhält. Hat ein Hobby, das einen mit Freude erfüllt. Einen Beruf, bei dem man nicht dauernd auf die Uhr schaut. Umgibt sich mit Menschen, die einem guttun. Oder vertritt eine Meinung, die nicht aufgezwungen ist. „Selbstverwirklichung bedeutet, authentisch zu sein. Mit sich im Einklang. Ein Leben zu leben, in dem man sich hundertprozentig wohlfühlt, weil es der eigenen Persönlichkeit entspricht“, sagt die Psychologin Monika Matschnig aus Neufahrn bei Freising, die ein Buch zum Thema geschrieben hat. Klingt einleuchtend. Doch es ist gar nicht so einfach, dieses authentische Leben ...
Man möchte anderen gefallen – und verliert sich dabei aus den Augen.
Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zum Ich ist unsere Abhängigkeit von der Meinung anderer. Wir möchten gefallen, streben nach Anerkennung und versuchen, die Erwartungen unserer Mitmenschen zu erfüllen. Bis zu einem gewissen Grad ist das ganz menschlich. Aber: „Je häufiger wir uns anderen gegenüber ,verkleidet‘ präsentieren, desto mehr verstecken wir uns auch vor uns selbst und verlieren nach und nach unser eigentliches Ich aus den Augen“, schreibt Matschnig in „Mehr Mut zum Ich“ (siehe Buchtipps). Wir halten uns fest an Normen und übernehmen Rollen, die nicht unserem wahren Kern entsprechen. Derart selbstentfremdet zu leben geht in der Regel nicht lange gut. Irgendwann wird klar: Hier stimmt etwas nicht, das ist nicht mein Leben.
Roswitha Okon aus Hamburg gelangte schrittweise zu dieser Erkenntnis. Durch eine Trennung und anschließende Therapie erkannte sie, wie sehr sie in ihren Beziehungen darauf bedacht gewesen war, zu gefallen. „Ich habe mich meinen Partnern immer angepasst, damit es keine Auseinandersetzungen gibt und ich nicht verlassen werde. Heute verstelle ich mich nicht mehr – und bin in meiner neuen Beziehung sehr glücklich“, erzählt die 55-Jährige. Mehr „von innen heraus leben“ nennt Roswitha ihren neuen Weg. Der führte sie auch zu einer beruflichen Veränderung. „Ständig unter Druck zu stehen, immer nur funktionieren zu müssen – das wollte ich nicht mehr. Ich wollte nicht länger meine Seele verkaufen“, sagt die Informatikerin, die die IT-Abteilung einer Bank leitete.
Etwas ganz anderes zu machen, etwas mit Mode, diese Idee kam ihr während einer Meditation. Sie war überrascht: Mode als Beruf? Daran hatte sie vorher noch nie gedacht. Aber sie gab der Idee eine Chance und belegte einen Nähkurs. Sie hatte so viel Spaß daran, dass sie eine Ausbildung zur Modedesignerin anschloss, dann noch eine zur Farb- und Stilberaterin – und sich damit selbstständig machte. „Dieses kreative Arbeiten begeistert mich jeden Tag aufs Neue. Es ist einfach genau mein Ding.“



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