Aller Charme verloren?

Frauen über 40

 Das Tarnkappen-Gefühl: Jenseits der 40 wird man von Männern kaum mehr wahrgenommen – oder kommt uns das nur so vor? 

Frauen über 40

 

Eben waren sie noch da, jetzt sind sie weg: die Zeichen männlicher Anerkennung, die ich jahrelang auf der Straße einheimsen konnte. Keine Pfiffe mehr, kein „Oh, là, là!“ oder ein bewundernd gerauntes „schöne Frau“. Stattdessen kämpfe ich nun im Zug mutterseelenallein mit einem schweren Koffer, während ich beobachten darf, wie ein paar Meter weiter gleich zwei Männer einer 20-Jährigen dabei helfen wollen, ihren Leichtgewicht-Rucksack auf die Gepäckablage zu heben. Und ich überlege mir, warum mich die jungen Verkäufer einer großen Elektronikartikel-Kette neulich so geflissentlich übersehen haben, als wäre ich Teil der Auslage…

WAS IST DENN PASSIERT? Sind das etwa schon die ersten Vorboten jenes Phänomens, das Petra Gerster in ihrem Bestseller „Reifeprüfung“ beschreibt? Dass Frauen jenseits der 40 von Männern einfach nicht mehr richtig wahrgenommen werden? „Es dauert ein Weilchen, bis man begreift, was passiert“, schreibt die Fernsehmoderatorin. „Man will einem Mann zulächeln und seinen charmanten Gruß erwidern, da merkt man, er hat gar nicht gegrüßt. Er hat zwar geguckt, aber nicht gesehen. Jedenfalls nicht uns. Sondern irgendetwas hinter uns. Genau genommen hat er durch uns durchgeguckt.“ Als „erotische Tarnkappe“ wird das Phänomen von manchen Soziologen bezeichnet. Und die Biologen liefern die passende Erklärung. Männliche Aufmerksamkeit sei vor allem an eine Bedingung geknüpft: Jugend. Denn die signalisiere Fruchtbarkeit, und das sei es, was Frauen für Männer attraktiv mache. Schließlich gehe es instinktiv immer darum, den Fortbestand der Menschheit zu sichern. Und dazu trägt man mit Ende 40 meistens wirklich nicht mehr allzu viel bei. Wer das Gefühl hat, eine Tarnkappe zu tragen, wird sensibel in seiner Wahrnehmung. Plötzlich findet man überall Indizien dafür, dass Frauen im besten Wechseljahralter bei Männern kaum mehr Begehrlichkeiten wecken. Zum Beispiel, wenn die Boulevardpresse darüber berichtet, wie mal wieder ein älterer Promi-Herr zu einer Frau wechselt, die gestern noch Pferdeposter und Robbie-Williams-Aufkleber gesammelt hat. Jede derartige Nachricht verstärkt den Glauben an die Tarnkappe. Man ist sich plötzlich frustrierend sicher, dass man nicht nur eine biologische, sondern auch eine erotische Uhr hat.

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Autor:
Constanze Kleis