Wohlbefinden
Der Weg zum Glück
Ob wir uns wohlfühlen, unser Leben genießen, es auch mal umarmen wollen – das hängt vor allem von uns selbst ab. Es gibt viele Wege zum Glücklichsein – einige haben wir Schritt für Schritt erkundet.
„Sich über kleine Dinge freuen – kann man lernen“
Journalistin Claudia Röttger- Scholz hat vier Wochen lang versucht, aufmerksam und dankbar zu sein
Kann man dem Glück auf die Sprünge helfen? Ja, behauptet Martin Seligman, Begründer der Positiven Psychologie. Zum Beispiel, indem man ein Dankbarkeitstagebuch führt. Seine These: Wenn wir uns regelmäßig die positiven Dinge des Alltags ins Gedächtnis rufen, werden wir langfristig glücklicher. Aber ist es wirklich so simpel? Ich habe mir Stift und Block auf den Nachttisch gelegt und es einen Monat lang ausprobiert.
1. WOCHE: Zaghafte Versuche
Ich sitze im Bett, trommle mit dem Bleistift auf das Papier und denke angestrengt nach: Was habe ich heute Schönes erlebt. Und wofür bin ich dankbar? Als Erstes fällt mir der Paketbote ein, der den bestellten Grill bis auf die Terrasse getragen hat. Ich bin mir nicht sicher, ob das gilt, notiere es aber trotzdem. Auch am zweiten Abend fällt mir auf Anhieb etwas ein, worüber ich mich gefreut habe: über den Anruf von Inka, meiner früheren Nachbarin, die sich lange nicht mehr gemeldet hat. Und am Sonntag notiere ich vorm Schlafengehen: „Gemütlich ,Tatort‘ geguckt.“
2. WOCHE: Grübeln & Gänse
Das Tagebuchschreiben läuft ganz gut, aber ich finde, ich grübele zu viel. Statt mich auf das Positive zu konzentrieren, zerbreche ich mir den Kopf, warum ein Kollege unwirsch reagiert hat. Irgendetwas muss doch auch schön gewesen sein an diesem Tag. In Gedanken sehe ich mich bei der Arbeit, beim Einkaufen, beim Gassigehen … Ach ja! Jetzt hab ich was: Der riesige Schwarm Gänse, der über meinen Kopf hinweggezogen ist – der war wunderschön!
3. WOCHE: Dankbar – wofür?
Am Montag fällt mir nichts ein, für das ich dankbar bin. Im Büro türmt sich die Arbeit, im Haus die Wäsche. Ich bin müde, mürrisch und offenbar ein hoffnungsloser Fall. Genervt gehe ich ins Bett. Ohne Tagebucheintrag, man muss auch mal unzufrieden sein dürfen! Am nächsten Tag ruft meine Freundin an und klingt bedrückt. Der Arzt hat bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Ich bin mit ihr traurig, habe Angst. Abends frage ich mich: Wofür soll ich an so einem Tag dankbar sein? Als ich nicht einschlafen kann, denke ich plötzlich: Dass ihr Knoten so früh entdeckt wurde – ihre Chancen stehen nicht schlecht. Ja, dafür bin ich sehr dankbar.
4. WOCHE: Ein Lächeln
Bin ich offener geworden, seit ich Tagebuch schreibe? Statt wie sonst mit Tunnelblick durch den Park zu spazieren, komme ich neuerdings mit fremden Menschen ins Gespräch. Wie mit der älteren Dame, deren Dackel gestorben ist. Ich habe mich kurz zu ihr auf die Bank gesetzt, sie hat meinen Hund gestreichelt und mich beim Abschied dankbar angelächelt. Am letzten Abend meines Experiments blättere ich durch mein Tagebuch. Wenn es stimmt, was Martin Seligman behauptet, müsste ich ziemlich glücklich sein, denke ich und merke plötzlich, wie ich beim Lesen der Einträge zu lächeln beginne. Und genau darum geht es doch: um dieses Strahlen, das von innen heraus kommt.



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