Vertrauen
Wie viel Täuschung verträgt die Seele?
Es gibt Lügen, die uns förmlich den Boden unter den Füßen wegziehen. Doch wie gehen wir damit am besten um? Die Diplompsychologin Dr. Angelika Faas erklärt an drei Fällen, wie man lernen kann, anderen wieder zu vertrauen.
Meinen richtigen Vater habe ich nie kennengelernt. Er war schon tot, als ich endlich die Wahrheit erfuhr
Die Versicherungskauffrau Karen Bräutigam (36) spürt noch immer die Folgen eines lange gehüteten Familiengeheimnisses. Und macht ihren Eltern deshalb große Vorwürfe
An dieses diffuse Gefühl in meiner Kindheit erinnere ich mich noch immer. Wenn die Leute sagten, ich sei meinem Paps wie aus dem Gesicht geschnitten. Dann sah ich die betretenen Gesichter meiner Eltern. Aber ich rechnete einfach nicht damit, dass sie mir etwas verheimlichen würden. Wir waren doch eine so glückliche Familie. Ihr Geheimnis verrieten sie mir erst wenige Monate vor meiner Heirat, als ich meine Geburtsurkunde abholen wollte. Das war vor vier Jahren. Meine Eltern hatten mich zum Abendessen eingeladen. Sie wirkten nervös. Nach dem Dessert schenkte meine Mutter mit zittrigen Händen einen Likör ein. Paps sagte: „Karen, wir müssen reden.“ Und dann tischten sie mir eine abenteuerliche Geschichte auf.
Als sich die beiden kennenlernten und eine Affäre miteinander begannen, sei meine Mutter verheiratet gewesen. Dann sei sie von ihrem Ehemann schwanger geworden, habe sich aber getrennt. Weil die Scheidung sich hinzog, hätten meine Eltern erst drei Jahre später heiraten können. Und der Mann, den ich all die Jahre für meinen Vater hielt, habe mich schließlich adoptiert. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich schrie die beiden an, wie sie mir das hätten antun können. Wie sie mir verschweigen konnten, dass mein Paps nicht mein Erzeuger war. Sie saßen nur fassungslos da und meinten, sie könnten es nicht ungeschehen machen. Seitdem blocken sie ab, wenn ich konkreter darüber sprechen will. Ich habe jetzt nur noch sporadisch Kontakt zu ihnen. Und meinen leiblichen Vater konnte ich auch nicht kennenlernen, denn der war inzwischen verstorben.
DAS SAGT DIE EXPERTIN:
Als Kinder und Heranwachsende identifizieren wir uns über unsere Eltern, wir suchen nach Ähnlichkeiten und Möglichkeiten, uns abzugrenzen. Insofern ist die Erkenntnis, dass nichts ist, wie es scheint, ein herber Schlag. Zumal das Urvertrauen der Tochter durch das jahrelange Verschweigen ihrer wahren Herkunft empfindlich gestört, wenn nicht sogar zerstört wurde. Auf Distanz zu gehen ist also ganz gesund. Die Seele verträgt eine solch schwere Täuschung, wenn man ein stabiles Selbstwertgefühl hat. Für Frau Bräutigam geht es zunächst darum, sich als eigenständige Person zu definieren. Dabei sind Fragen hilfreich wie: Wer möchte ich sein? Was habe ich aus eigener Kraft geschaffen? Was ist mir in meinem Leben wichtig?
Im zweiten Schritt geht es schließlich darum, sich seine Wut oder Traurigkeit über die Enttäuschung einzugestehen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage danach, auf wen man eigentlich wütend ist. Sind es die Eltern, die aus falsch verstandener Fürsorge die wahre Vaterschaft verschwiegen haben? Die Mutter, die sich das Scheitern ihrer früheren Beziehung nicht verzeihen kann? Oder der soziale Vater, der den Vergleich mit dem leiblichen scheut? Vielleicht trauert Frau Bräutigam auch insgeheim, weil sich der leibliche Vater nicht um seine Tochter gekümmert hat, als er noch lebte? Über diese vielen offenen Fragen könnte sie dann auch wieder mit ihren Eltern ins Gespräch kommen.



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