Frauen
Schummeln beim Alter
Ab jetzt bleibe ich 39! Also doch! Viele Frauen schummeln, wenn man nach ihrem Alter fragt. Aber warum? TV-Moderatorin Lisa Ortgies hat auf diese Frage eine meinungsstarke Antwort.
Dieter Bohlen, angeblich 57 Jahre alt, will so gezeigt werden, wie er wirklich aussieht. Mit allen Falten, die ihm einige Jahrzehnte im Showbiz ins Antlitz gegraben haben. Er hat seinem Haussender RTL sogar mit Boykott gedroht, falls seine Auftritte beim „Supertalent“ weiterhin mit einem Weichzeichner bearbeitet werden. Die Nachbearbeitung der Bilder lasse ihn „unmenschlich erstrahlen“. Sieht so aus, als würden jetzt auch Männer unter den Druck eines altersund faltenfreien Schönheitsideals geraten – mit dem kleinen Unterschied, dass sie sich frühzeitig wehren. Bohlen kämpft – zu Recht – für seine Würde als älterer Mensch.
Nun gibt es Promi-Frauen in Bohlens Alter, die einen Sender verklagen würden, wenn der ihre Bilder NICHT mit einem Weichzeichner bearbeiten würde. Manch eine hat ihr Recht auf diesen „Glow-Effekt“ sogar im Vertrag stehen. Was viele dieser Frauen sicherlich als eine Frage der Würde bezeichnen würden. Genau genommen handelt es sich aber um eine Frage des Marktwerts. Wer als Schauspielerin auch nur in den Verdacht gerät, in die Menopause zu schlittern, fliegt raus aus der „Rosamunde- Pilcher-Idylle“. Und kommt bestenfalls als apfelbäckige Omi zurück. Bei RTL hätten Frauen über 50 vielleicht noch auf der Comedy-Bühne eine Chance. Aber auch nur, wenn sie bereit wären, ihren eigenen Verfall am Beispiel von Scheidentrockenheit oder Hüftprothesen zu thematisieren. Also unter Preisgabe ihrer Würde.
Da haben wir den kleinen Unterschied, von dem wir alle zu gern glauben würden, er hätte sich ein für alle Mal erledigt: Bis auf wenige Ausnahmen büßen Frauen mit jedem Lebensjahrzehnt ein Stück ihrer Würde ein. Unabhängig davon, wie viel Seelengröße, Souveränität und Wissen sie im Laufe ihres Lebens gewonnen haben. Ihr Ansehen misst sich immer noch an ihrem Aussehen – Intelligenz und Eloquenz sind nicht mehr als lobenswerte Zugaben, aber bitte schön nur in Verbindung mit Sexyness.
„Macht macht sexy“ – das gilt offenbar nur für Männer
Deshalb respektiert man eine junge Frau als mutig, frisch und frech, die bei einer Konferenz eine genauso große Klappe riskiert wie die meisten der anwesenden Männer. Die 20 oder 30 Jahre ältere Kollegin kann dasselbe sagen, darf sich aber nicht wundern, wenn sie fortan als aggressiv und verbittert charakterisiert wird. Ältere Frauen werden als erfahrene Leistungsträger kaum wahrgenommen. Es sei denn, sie haben es bis zur Staatschefin, Astronautin oder Nobelpreisträgerin geschafft. Dann gelten sie aber sowieso als Kerle. Männer in einem gewissen Rang oder mit einer gewissen Popularität nehmen automatisch an Würde zu, so wie sie an Gewicht zulegen. Auch wenn sie nach der vierten Scheidung – von einer Mitte 30-Jährigen – eine Ende 20-Jährige heiraten. Im Gegenteil: (Der ehemalige Außenminister) Joschka Fischer galt als lebender Beweis für den Slogan „Macht macht sexy“.
Da drängt sich die Frage auf, warum das nicht für eine (Außenministerin) Hillary Clinton gilt, die zum selben Jahrgang gehört wie Fischer, und – mit Verlaub – dem gängigen Schönheitsideal einer Frau sehr viel näher kommt als Fischer dem Inbegriff eines attraktiven Mannes. Weil Attraktivität im Auge des Betrachters entsteht – genau gesagt des Mannes. Dessen Blick, auch das hat Tradition, wird von Frauen übernommen, meistens unbewusst, aber deshalb leider auch reflexhaft: alte Frau = unfruchtbar = unattraktiv = unsichtbar.
Frauen können noch so viel in Cremes, Spritzen oder OPs investieren – der verzweifelte Kampf gegen den Zahn der Zeit ändert nichts daran, dass wir jenseits der 50 als „bestattungsreif“ gelten, während Männer dann gerade mal Anlauf nehmen, um eine Zweitfamilie zu gründen. Ein Mann kann zu einem großen Geist, einem Elder Statesman oder einem grau geschläften Schwerenöter heranreifen. Bei einer Frau kommen leider die Wechseljahre dazwischen, und damit wird ihr – auch gegen ihren Willen – die erotische Tarnkappe über den Kopf gestülpt.
Auch Top-Managerinnen stoßen an die „gläsernde Decke“
Bis heute definiert die Medizin die Menopause bei Frauen als Übergang zum Alter. Was an sich schon eine Diskriminierung darstellt, weil es bedeutet, dass Frauen sehr viel früher alt werden als Männer, obwohl sie eine höhere Lebenserwartung haben!
Was sich im Job leider selten auszahlt. Wie eine Studie des Frauennetzwerks European Women’s Management Development herausgefunden hat, stoßen auch die Frauen, die alles richtig gemacht haben und bereits irgendwo in der Geschäftsführung sitzen, an die bekannte „gläserne Decke“. 30 Prozent der ausgebremsten Top-Managerinnen machen sich selbstständig, wechseln das Unternehmen oder landen bei Nichtregierungsorganisationen – und nehmen ihr Wissen und ihre Erfahrung mit. So weit zu der Ausrede, dass man ja gern Frauen in die Vorstände holen würde, aber leider keine geeigneten findet. Und nebenbei: 50-jährige Frauen in einer neuen Beziehung haben deutlich mehr Sex als 30-Jährige in einer langjährigen Partnerschaft …
Trotzdem: Bis die Vorstände zur Hälfte mit Frauen besetzt sind, das Prinzip „Demi Moore trifft Ashton Kutcher“ sich bei der breiten Masse durchgesetzt hat, rate ich jeder Frau, ihr Alter nach unten zu korrigieren oder ganz zu verschweigen. Viel Erfolg dabei wünscht Ihnen Ihre Lisa Ortgies, 39 Jahre.



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