Interview mit Prof. Dacher Keltner

Mit Freundlichkeit kommt man weiter

Warum ist es evolutionsgeschichtlich sinnvoll, mitfühlend zu sein? Und was haben wir davon? Psychologe Dacher Keltner erforscht unsere positiven Seiten. 

Mit Freundlichkeit kommt man weiter

 

Herr Keltner, unser Leben ist geprägt von dem Satz „Nur die Stärksten überleben“. Sie behaupten: Das Gegenteil ist der Fall. Angesichts unserer gesellschaftlichen Lage kann man sich das nur schwer vorstellen.

Zur Person

Professor Dacher Keltner, 47, ist Professor für Psychologie an der University of California, Berkeley, und Direktor des „Greater Good Science Center“. In seinem in den USA erschienenen Buch „Born to be Good“ beschäftigt er sich mit den positiven Emotionen der Menschen. Der Schlüssel zum Glück ist, sagt er, diese Gefühle in sich und den anderen zum Vorschein kommen zu lassen.

Da haben Sie recht. Doch meine Forschungen belegen, dass eben nicht nur die individuelle Stärke in der Evolution entscheidend ist, sondern vielmehr Eigenschaften wie Mitgefühl, Dankbarkeit und Großzügigkeit. Die Sympathie ist der stärkste Instinkt des Menschen! Und trotzdem denken wir bis heute, dass man brutal und versessen auf Wettbewerbe sein muss, um weiterzukommen.

Und das müssten wir eigentlich nicht?

Nein. Die Guten müssen doch schon deshalb überleben, weil die Menschheit sonst gar nicht existieren könnte. Babys sind so verletzlich, wenn sie auf die Welt kommen, dass sie extrem fürsorgliche und freundliche Menschen brauchen, die sich um sie kümmern. Und ich spreche nicht nur von Müttern. Auch Väter müssen die Kinder ja versorgen. Insgesamt zwingt uns das dazu, eine kooperative, hilfsbereite Gruppe zu bilden. Einfühlsamkeit und soziales Verständnis sind überlebenswichtig.

Trotzdem besteht die ganze Menschheitsgeschichte aus Gewalt und Krieg. Und es waren nicht gerade die nettesten Typen, die das angezettelt haben.

Ja, ich weiß. Doch wenn man sich die historischen Fakten ansieht, wird man feststellen, dass wir immer netter werden. Drei Beispiele: Die Wahrscheinlichkeit, in einem Krieg zu sterben, ist heute viel geringer als früher. Geistig behinderte Menschen behandeln wir heute mit viel mehr Mitgefühl als noch vor 300 Jahren, als man sie einsperrte und folterte. Die Mordraten in den Großstädten sind zurückgegangen. Unsere Kultur wird also sichtlich humaner. Im Laufe der Jahrhunderte ist Mitgefühl zu einem unserer führenden ethischen Prinzipien geworden. Wenn man die neuesten Nachrichten vom Darfur-Konflikt im Sudan hört, kann man das zwar kaum glauben, aber es ist wirklich so.

 

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Autor:
Susanne Strätz