Glück

Neuanfang trotz Warnung

„Mach das nicht!“ Irgendwer warnt ja immer, wenn wir was Neues wagen. Und wird dann trotzdem alles gut: umso schöner. Oder?

Glücklich

„Auf dem Land wirst du eingehen wie eine Primel“

Marianna Bellau (42) zog trotz aller Bedenken von Potsdam in die tiefste Provinz – nach Ostfriesland

Dass ausgerechnet ich mal in einem kleinen Dorf leben würde, hätte ich nie gedacht! Mein Mann Detlef, unsere beiden Söhne und ich waren jahrelang in Berlin und Potsdam zu Hause. Detlef arbeitete als Theologe an der Uni, ich schrieb Biografien, sang im Chor und spielte Bratsche im Orchester. Stadt – das bedeutete für mich immer auch: Anschluss an das kulturelle Leben. Vor drei Jahren dann wurde Detlefs Stelle nicht mehr verlängert. Er beschloss, Pfarrer zu werden. Für den Einstieg muss man in der Regel den Job annehmen, den einem die Kirche anbietet. Bei uns war es Engerhafe in Ostfriesland. Ausgerechnet.

Im April fuhren wir für eine Nacht dorthin. Ich schaute mich um. Was gab’s in diesem 600-Seelen-Dörfchen? In erster Linie: Wind und Wiese. Ziemlich deprimiert kehrten wir nach Potsdam zurück. Als ich Freunden vom anstehenden Umzug erzählte, erntete ich bedauernde Blicke: „Willst du wirklich alles hinschmeißen?“ Aus der Stadt wegzuziehen – das sah damals echt aus wie der dümmste Fehler meines Lebens. Ich dachte: Da gehst du ein wie eine Primel. Dazu noch die Rolle als Pfarrersfrau. Schon sah ich die erwartungsvollen Blicke der Dorfbewohner jeden meiner Schritte verfolgen. Eine Zeit lang überlegte ich ernsthaft, mit den Kindern in der Stadt zu bleiben und eine Wochenendbeziehung zu führen.

Aber Anfang Oktober 2009 kamen wir mit unseren Koffern in Engerhafe an. Das Erste, was wir uns kauften, waren Windjacken. Die Kinder lebten sich schnell ein. Ich hingegen war in der Anfangszeit ganz schön einsam. Doch das änderte sich bald. Die Menschen hier sind sehr zuvorkommend. Und ich fühle mich komplett angenommen. Heute singe und spiele ich im Gitarrenchor, organisiere Konzerte. Irgendwann fragte mich die Gemeinde, ob ich auch den Posaunenchor leiten möchte. Ich dachte nicht wie früher: Kann ich das überhaupt? Sondern: Habe ich dazu Lust? Ich sagte Ja – und es läuft bestens! Es war kein Fehler hierherzuziehen, das weiß ich heute. Ich bin zu Hause, viel mehr als in Potsdam. So schnell kriegt mich keiner mehr von hier weg!

 

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