Bärte Trend
Männer und Bärte?
Was haben Brad Pitt und der Weihnachtsmann gemeinsam? Sie tragen Bärte. Plötzlich ist in der Männerwelt „oben ohne“ out. Warum eigentlich? Autorin Andrea Raschke macht sich so ihre Gedanken. In unserer Galerie können Sie selbst entscheiden, welchem Promi-Mann Bart steht und welchem nicht.
Der Anruf aus der Redaktion klang harmlos. „Schreib uns doch mal was über Männer mit Bart“, sagte der Ressortleiter, der sich gerade einen Bart hat stehen lassen. „Du darfst auch offen deine eigene Meinung vertreten.“ Ich ging im Geiste alle Personen durch, die meinen Text danach in die Finger kriegen würden. Da wäre zuerst mal der Textchef. Der ist so was wie der Julius Cäsar in der Arena der freien Autoren. Sein Daumen entscheidet über „gut“ oder „schlecht“ und gegebenenfalls über nächste Aufträge. Habe ich erwähnt, dass er neuerdings Bart trägt? Bevor eine Zeile gedruckt wird, durchläuft sie noch etwa fünf weitere Stationen, von denen geschätzte drei mit bärtigen Männern besetzt sind. Gut, die Chefredakteurin hat natürlich auch noch ein Wörtchen mitzureden, sie trägt verständlicherweise keinen Bart und bezeichnet Männer, die einen haben, als „haarige Biester“. Trotzdem finde ich, dass hier eine Menge Zivilcourage von mir verlangt wird.
Dreitagebart: Frau liebt oder hasst ihn
Mal angenommen, ein männlicher Autor würde sich zum Beispiel über Frauen mit Strähnchen auslassen, der könnte doch in der Dunkelheit nicht mehr gefahrlos auf die Straße gehen. Undenkbar, dass ein Mann offen über weibliche Haarmode lästert. Andersrum gilt dieses Tabu nicht. Sobald beim Mann auch nur der Ansatz eines dunklen Schattens im Gesicht zu sehen ist, wird er für vogelfrei erklärt und muss sich fortan die ungefilterten Kommentare seiner Kollegen, Freunde und Nachbarn anhören. Denn eine eindeutige Meinung zum Thema Bart hat jeder, das ist ein Gesetz, so ähnlich wie man Dieter Bohlen, Oliven oder Bayern München liebt oder hasst. Etwas dazwischen gibt es nicht. Oder vielleicht doch? Auf den Bart bezogen wäre das der Dreitagebart, der beim hellhäutigen Mitteleuropäer vermutlich eher ein Sechstagebart ist. Aber der soll ja eigentlich auch kein echter Bart sein, sondern aussehen, wie zufällig entstanden, weil man vor lauter Sozialleben gar nicht zum Rasieren gekommen ist. Das weibliche Pendant dazu wäre die strubbelige Meg-Ryan-Frisur. Diese Mischung aus „gerade aus dem Bett gefallen, keine Zeit zum Stylen gehabt und trotzdem total süß“. Das hat bei den meisten Trägerinnen auch nicht funktioniert.
Mann trägt Bart
Bleibt die Frage: Warum jetzt? Was veranlasst den modernen Mann dazu, auf all die 5fach-Klingen mit dem flexiblen Präzisions-Scherkopf und dem verbesserten Lubrastrip mit Vitamin-E-Komplex zu pfeifen und der Natur freie Hand zu lassen? Liegt es am Alter? Will der Mann, dessen Stirn sich immer weiter in Richtung Nacken bewegt, zeigen, dass er es trotzdem noch draufhat, wenn auch ein paar Zentimeter tiefer? Oder ist der ungebremste Trend zur allgemeinen Ganzkörperenthaarung schuld? So nach dem Motto: „Wenn ich schon untenrum aussehen muss wie ein Säugling, will ich wenigstens im Gesicht noch einen Rest von Würde bewahren.“ Oder sind vielleicht sogar die Frauen schuld, die sich unaufhaltsam eine Männerdomäne nach der anderen zu eigen machen? Was bleibt dem starken Geschlecht denn noch, wenn Frauen ihre Hemden tragen, ihre Harleys fahren und Fußballweltmeister werden? Bis auf ein paar zusätzliche Keratinfäden ist da offenbar nicht mehr viel an Unterscheidungsmerkmalen. Statt an bärtigen Männern herumzunörgeln, sollten wir uns also lieber wieder auf unsere weiblichen Stärken besinnen und Verständnis und Geduld aufbringen. Spätestens, wenn Damenbärte in Mode kommen, greifen die Kerle eh wieder freiwillig zum Messer.



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