Warum ein Blick zurück das Leben verändern kann

Konfrontation mit der Vergangenheit

Der erste Mann im Leben, die einst beste Freundin, der Ort der Kindheit: Vorsicht, ein Wiedersehen nach Jahren kann alles verändern. Wie sehr, das lesen Sie hier – und ein Psychologe sagt, wann die Zeit reif dafür ist

Diana Golz

Liebe siegt

Diana Golz, 39, Bürokauffrau aus Berlin, traf nach 22 Jahren ihren Freund aus Teenager-Zeiten wieder

Freude, Schock, Wehmut – ich fühlte alles zugleich an diesem Septembernachmittag 2008, als ich ihn so unerwartet wiederfand: Tino, meine erste Liebe. Ich hatte mich mit meinem Laptop in die Küche verzogen und surfte in dem Online-Portal www.stayfriends.de, um vielleicht auf Freunde aus Teenager- Tagen zu stoßen. Und da las ich plötzlich seinen Namen. Vor meinen Augen lief ein Film ab: der Augenblick, als Tino mir den ersten Kuss meines Lebens gab. Da war ich 13. Der Abend, als Tino und ich in der Disco sehnsüchtig auf einen langsamen Song warteten, damit wir inmitten der Clique drei Minuten nur für uns hätten. Der Moment, wenn im Kino die Lichter ausgingen und wir endlich Händchen halten konnten. Unsere Teenager-Beziehung zerbrach nach eineinhalb Jahren: Meine Eltern ließen sich damals scheiden, ich zog mit meinem Vater ans andere Ende von Berlin.

Mit 18 heiratete ich einen anderen, wir bekamen zwei Kinder. Glücklich war ich in meiner Ehe jedoch seit Langem nicht mehr. Wohl auch ein Grund, warum ich an diesem Nachmittag spontan eine Nachricht an Tino schickte, obwohl wir über 20 Jahre keinen Kontakt mehr gehabt hatten. Seine Antwort kam schon nach zehn Minuten: „Sehen wir uns?“ Zwei Tage später stritt ich mich wieder einmal mit meinem Mann. Aufgewühlt verließ ich unser Haus, fuhr zu meiner Mutter – und rief Tino an. Es war eine Herzensentscheidung, die Vernunft hatte keine Chance. Eine Stunde später stand er vor der Tür. Ich traute mich kaum, ihn anzuschauen. Was, wenn er sich nach all den Jahren völlig verändert hatte?

Wenn ich ein verklärtes Bild im Kopf hatte? Aber an Tino war nichts anders. Seine Stimme, ja, die klang jetzt tiefer, männlicher. Doch sein Wesen, seine blauen Augen, sein Lächeln und seine schönen Hände – alles wie früher! Als wir dann in ein Café gingen, nahm ich seine Hand. Das fühlte sich wundervoll vertraut an. Die nächsten drei Stunden erzählten wir uns, was in den zurückliegenden 22 Jahren geschehen war. Auch Tino hatte eine Partnerin, eine Tochter und einen Sohn. Als wir uns an diesem Abend trennten, war beiden von uns klar: Wir verändern unser Leben. Drei Tage später zogen Tino und ich zusammen. Seit Ende letzten Jahres bin ich geschieden. Tino und ich wollen heiraten, ganz romantisch mit Kutsche und weißem Kleid. Leicht war dieser Schritt nicht: Monatelang weigerten sich meine Kinder, 17 und 19, mich zu sehen: Ich hatte die Familie zerstört. Erst als sie bereit waren, Tino kennenzulernen, konnten sie meine Entscheidung besser nachvollziehen. Inzwischen sind wir eine Patchworkfamilie.

Ich fühle mich heute freier und fröhlicher. Ob ich mich auch ohne Tino getrennt hätte? Bestimmt nicht so schnell. Die Begegnung mit ihm hat mir den Mut gegeben, längst fällige Schritte zu tun.“

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Autor:
Nicole Ehlert, Sibylle Royal