Ruhe finden

Innere Balance

Endlich alles in Balance – danach sehnen wir uns im Alltag. Frauen erzählen, wie sie sich Freiräume schaffen und bei sich selbst ankommen.

Innere Ruhe

Morgens, wenn die Familie noch schläft, nehme ich mir Zeit nur für mich. Statt wie früher gleich unter die Dusche zu springen und dort gedanklich meine Liste für den Tag durchzugehen, schleiche ich nach dem ersten Weckerklingeln zu meinem Meditationskissen, ordne die Beine zum Yogasitz und bin für eine halbe Stunde ganz bei mir. Danach spüre ich, was vor einem halben Jahr in der morgendlichen Hektik undenkbar gewesen ist: innere Ruhe. Zugegeben – Meditieren finden meine Freundinnen langweilig. Beate malt lieber Bilder in Öl, Tine stapft bei jedem Wetter mit ihrer Mischlingshündin Berta durch den Wald, und Katharina rudert neuerdings im Frauen-Vierer ihrem Stress davon.

Egal, wie wir sie gestalten: Wir brauchen sie alle, diese Auszeiten, in denen wir unsere Seele streicheln und Kraft schöpfen. In denen wir einfach machen, was uns guttut. Nur so können wir Abstand gewinnen von den Dingen, die uns belasten. Wir steigen aus dem Hamsterrad aus, das sich vor lauter Arbeit und Pflichterfüllung immer schneller dreht. Lockern beim Yoga den verspannten Nacken und festgefahrene Gedanken. Schreiben uns im Tagebuch den Kummer von der Seele. Lassen es zu, bei einem Wochenende am Meer nur unserem eigenen Rhythmus zu folgen. Der Geist weitet sich, wir fühlen uns freier.

Jede Auszeit hilft, Körper und Geist zu regenerieren – die beste Vorbeugung gegen ernste Erkrankungen wie Burn-out und Herzinfarkt. Der Puls normalisiert sich, Anspannungen lösen sich, und auch die Wirkung auf den Blutdruck ist positiv. „Folgen wir unseren Bedürfnissen, werden wir widerstandsfähiger gegen Stress“, sagt Mediziner und Buchautor Werner Bartens („Glücksmedizin. Was wirklich wirkt“, Droemer Verlag, 19,99 Euro).

Zeit für Pausen

„Ruhepausen sorgen dafür, dass die Zahl der Rezeptoren steigt, die gefährliche Stressmoleküle abfangen. Atmen wir bei Entspannungsübungen tiefer, wird der Teil des Nervensystems angeregt, der bei Ruhe und Erholung besonders aktiv ist.“ Was gut ist für den Einzelnen, dafür hat der Mediziner kein Patentrezept. Viele brauchen einen Gegenpol zum Alltagsleben: Die Kollegin, die den ganzen Tag auf ihrem Bürostuhl hockt, fühlt die betäubten Glieder beim Tangotanzen wieder. Die Lehrerin erdet sich beim Tai-Chi, die Unternehmerin sehnt sich danach, im Kloster von ihrem Termindruck loszulassen.

„Wer noch auf der Suche nach der richtigen Methode ist, sollte sich fragen: Wie war ich als Kind?“, rät Bettina von Schorlemer vom Frankfurter Therapiezentrum. Brauchte ich damals Gesellschaft, pusselte ich lieber allein vor mich hin, war ich viel in Bewegung? Manchmal springt der Funke einfach über –wie bei Nele Herold-Gaertner: Sie wird beim Sambatrommeln angestaute Spannungen los und erlebt wahre Glücksmomente. Bettina von Schorlemer: „Es geht immer darum, sich wieder besser zu spüren und Vertrauen in das Leben und in unsere Fähigkeiten zurückzubekommen.“ Schon als Kind liebte ich es, mich in die Geschichten und Lieder auf meinen Hörkassetten zu vertiefen. „Gönne dir diese Zeit für dich“, schnurrt die sanfte Stimme auf meiner Meditations-CD. Und ich weiß, nein, ich spüre, dass ich genau das Richtige tue.

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