Unschöne Eigenschaft

Geldgier

Was genau ist Gier? Und warum raffen wir überhaupt? Soziologie-Professor Rolf Haubl über eine unschöne Eigenschaft – und wie man sie beherrscht.

„Nicht jeder, der mehr Geld will, ist gierig“

Guten Morgen, Professor Haubl. Bitte entschuldigen Sie meinen vollen Mund. Ich habe mir eben ein Croissant gegönnt, weil ich dachte, ich hätte noch ein bisschen Zeit. Dabei habe ich erst vor einer Stunde gefrühstückt. Bin ich gierig?
Das kann ich so nicht sagen. Bei der Gier kommt es auf die Motivation an.

Ehrlich gesagt habe ich es nur gegessen, weil es so gut roch.
Wissen Sie, die Gier stammt aus einer Zeit, in der Nahrung nicht immer und selbstverständlich vorhanden war, als man nicht wusste, ob es in den nächsten drei Wochen wieder etwas zu essen geben würde. Aus dieser Sorge verleibte sich der Mensch sofort und in ganzer Fülle ein, was ihm in die Finger kam.

Diese Angst muss ich nicht haben. Mittags gibt es ja wieder etwas.
Eben. Aber psychodynamisch gesehen gehört diese massive Angst, demnächst nichts mehr zu bekommen, dass man also zu wenig hat, zur Gier. Evolutionsgeschichtlich ist das tatsächlich die Angst zu verhungern. Gleichzeitig hat man mit diesem Verhalten aber anderen die Nahrung weggenommen. Die gierige Situation hat also ein asoziales Moment. Sie wird jedoch sozialisiert, also akzeptiert, wenn die gierig aufgesammelten Güter zur Handelsware werden. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die anderen auch etwas zum Handeln oder Tauschen haben.

Demnach bin ich also nicht gierig gewesen. Ich habe niemandem etwas weggegessen. Beim Bäcker lagen noch viele Croissants. Das beruhigt mich irgendwie.
So ist es. Man kann eben nicht sehen, wie ein Verhalten motiviert ist. Nur weil Sie essen, ohne Hunger zu haben, müssen Sie nicht unbedingt gierig sein.

An welcher Stelle im Gehirn sitzt die Gier denn überhaupt?
Es gibt kein Gierzentrum, wenn Sie das meinen. Genauso wenig wie es ein Neidzentrum gibt. Die Neurobiologie ist noch nicht so weit, dass man sagen könnte: Im Hirnareal 17a steckt die Gier.

Nun rafft man ja nicht nur Essen. Was macht denn noch gierig?
Im Grunde kann man nach allem gierig sein, was sich anhäufen lässt: Geld, Bildung, Autos. Alles, von dem man glaubt, dass es zum eigenen Überleben gehört. Natürlich ist das gesellschaftlich geprägt. Aber jeder kann auch für sich etwas als existenziell erleben, was die Gruppe um ihn herum so nicht sieht.

Auslöser für die Gier wäre demnach ein persönlich empfundener Mangel.
Na ja, wenn einem der Mangel bereits bewusst wäre, könnte man rational da gegen vorgehen. Meist hat dieses Gefühl aber lebensgeschichtliche Ursachen. Und bevor diese Ursachen dem Betroffenen nicht klar sind, kann er seine Gier nur bedingt regulieren.

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