Neue Leichtigkeit
Gelassen und entspannt
Man sagt ja, dass Erfahrung entspannter macht. Doch wie kann dieser Wandel gelingen? Experten wissen: Es sind ganz handfeste Strategien, die uns Gelassenheit schenken.
Meine Freundin Anne ist Perfektionistin. Morgens nach dem Aufstehen absolviert sie ihre Fitnessübungen, deckt dann den Frühstückstisch für die Familie. Nie sieht man sie mit ungetöntem Haaransatz, ihre gebügelten Blusen sind farblich auf Rock und Schuhe abgestimmt, selbst den Schmuck wählt sie Ton in Ton. Muss ihr Mann auf Dienstreise, packt sie ihm den Koffer. Vor einem Essen mit Freunden macht sie sich tagelang Gedanken: Was koche ich, wie dekoriere ich den Tisch? Rennt sich die Hacken ab für ein Bündel Koriander, und schnell noch zur Kosmetikerin, damit sie abends frisch aussieht. Seit ich sie kenne, funktioniert Anne so. Abitur, Übersetzer-Diplom, Lehramts-Studium. Mann, Wunschkind, Eigenheim.
Alles nach Plan. Bis es vor Kurzem heftig knallte. Anne saß im Lehrerzimmer, in Gedanken bei der Konferenz am Nachmittag, als eine Kollegin auf sie zusteuerte: „Du, Anne, kannst du noch Geburtstagsblumen besorgen für die Sekretärin?“ Anne schaute die Kollegin an – und fing an zu brüllen: „Wieso immer ich? Lasst mich in Ruhe, ich bin doch nicht euer Hiwi …“ Minutenlang schrie sie ihre Wut heraus, dann flossen die Tränen. Am Abend hockte sie daheim auf dem Sofa und stopfte sich voll mit einer Tüte Chips. Selbstvorwürfe quälten sie, immer wieder spielte sie die Szene in Gedanken durch, schauderte beim Gedanken an die befremdeten Blicke der Kollegen. Wie konnte sie sich so blamieren? Und doch, irgendwo versteckt in einem Seelenwinkel war sie auch erleichtert.
Anne hat der eigene Aussetzer gründlich wachgerüttelt. Endlich sah sie ein, dass sie sich das Leben viel zu schwer gemacht hatte – und was dahinter stand: Ihr erster Freund hatte sie verlassen, nach fünf Jahren, ohne Erklärung. Schock und Schmerz hatte sie verdrängt. Ein nicht verarbeitetes Trauma lebt aber in uns weiter, löst schlimmstenfalls Depressionen, Ängste, Krankheiten aus. Anne hatte sich ständig überanstrengt, um eine Wiederholung des Traumas, eine neuerliche Trennung, zu verhindern. Leistung gegen Liebe – das war auch ihr Kindheitsmuster gewesen, Lob von den Eltern gab es nur für gute Zensuren. Ihr Wutanfall kam ihr nun wie das Signal zur Befreiung vor.



Kommentieren