Report: Freundschaften

Freunde fürs Leben

Was hält schon ewig? Nicht nur Liebhaber und Partner, auch Freundinnen sind häufig „nur“ Lebensabschnitts-Begleiter. Soziologen haben untersucht, warum das so ist: wann Freundschaften entstehen, wie sie uns durch Entwicklungsphasen begleiten – oder auch nicht. Und was daran heute ganz anders ist als früher

Freunde fürs Leben

Sie ist ein paar Jährchen jünger als ich und nennt mich gerne mal „meine älteste Freundin“. Ich bezeichne sie im Gegenzug als „meine längste Freundin“ – bei fast einsneunzig muss das erlaubt sein. Charlotte und ich kennen uns seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Nach ein paar anfänglichen Intensivkur-Jahren – gleiche Stadt, gleiche Uni, gleiche Stammkneipe – folgten getrennte Städte, dann sogar verschiedene Kontinente. Erst heute leben wir zufällig wieder am gleichen Ort. Zwischenzeitlich war der Kontakt manchmal so lose, dass er sich auf Weihnachts- und Geburtstagsgrüße beschränkte. Doch auch nach Phasen der Funkstille brauchen wir nie eine lange Warmlaufphase – der Draht ist gleich wieder da. Dass wir heute noch  befreundet sind, ist nicht selbstverständlich. Denn die viel gerühmten „Freunde fürs Leben“ scheint es immer seltener zu geben.

Schwund nach sieben Jahren
Ein niederländisches Soziologen-Team der Uni Utrecht hat 1007 Personen zu ihren Freundschaften befragt; wo sie sich kennengelernt haben, mit wem sie persönliche Fragen besprechen, wer in praktischen Dingen hilft. Nach sieben Jahren wurden die Teilnehmer erneut befragt. Mit dem Ergebnis, dass innerhalb dieses Zeitraums jede zweite Freundschaft endete. „Wir haben im Schnitt drei bis vier Beziehungen, mit denen wir über private Dinge sprechen. Die Hälfte dieser Menschen sind nach sieben Jahren nicht mehr die gleichen“, sagt Dr. Beate Völker, Professorin für Soziologie an der Uni Utrecht und ein Mitglied der Forschungsgruppe. Das klingt nicht schön – aber man sollte nicht übersehen: Die andere Hälfte des Freundesnetzwerks ist sehr wohl stabil. Und das in Zeiten, in denen es zunehmend schwieriger wird, Freundschaften ohne großen Aufwand zu pflegen: Wir ziehen öfter um, wechseln Arbeitsplätze, Städte, Länder – freiwillig oder aus Notwendigkeit. Da ist es praktisch unumgänglich, dass neue Kontakte entstehen und ein Teil der alten Beziehungen sich allmählich auflöst. Weil Freundschaften, im Gegensatz zu Partnerschaften, keine klaren Endpunkte haben, geht diese Entwicklung schleichend vor sich. Anfangs telefoniert und schreibt man noch häufig, aber je besser man sich in der überneuen Umgebung einlebt, desto mehr verwässern die alten Verbindungen. Streit spielt bei der Beendigung von Freundschaften nur selten eine Rolle. Ohne selbstverständliche Basis im Alltag muss man gezielt Verabredungen treffen und telefonisch oder per E-Mail Verbindung halten. Das ist mühsam und gelingt mal mehr, mal weniger gut. „Wenn man biografisch einen ähnlichen Weg einschlägt, ist ein Austausch auch auf Distanz eher möglich, dann kann man auch weiter weg wohnen und trotzdem die Freundschaft bewahren“, sagt Dr. Klaus Schönberger, Professor für Kultur- und Gesellschaftstheorie an der Zürcher Hochschule der Künste.

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Autor:
Birgit Hamm