Tier-Reportage

Die Weisheit der Tiere

Erfahrungsberichte über das Zusammenleben mit (exotischen) Tieren legen den Schluss nahe: Sie sind für uns die perfekten Psycho-Coaches. Wie wir von ihnen lernen können lesen Sie hier

Die Weisheit der Tiere

Als bei ihm ein Elefant im Wohnzimmer stand, wusste Lawrence Anthony, dass er akzeptiert war. Der südafrikanische Umweltschützer hatte eine Elefantenherde adoptiert, die zu aggressiv war, als dass man sie weiter in der Steppe hätte leben lassen können. Die Ranger wollten die Herde erschießen. Doch Anthony nahm sie in sein privates Wildtierreservat auf – und wurde von den Elefanten mit Lektionen für sein Leben beschenkt: „Die Elefantenmutter über die zehn Jahre hinweg zu beobachten zeigte mir, was ein Familienoberhaupt in sich vereinigen muss: weise Führung, selbstlose Disziplin und bedingungslose Liebe.“ Anthony ist beeindruckt vom Familiensinn der Elefanten. Als die Elefantenmutter ein krankes Junges zur Welt bringt, harrt sie ohne Nahrung tagelang neben ihm aus, bis es seinen letzten Atemzug tut. Auch wie die Elefantengesellschaft mit den Alten umgehe, sei etwas „zutiefst Rührendes“, so Anthony in seinem Buch „The Elephant Whisperer“ (übersetzt: „Der Elefantenflüsterer“, siehe Buchinfos auf Seite 68). Fehlt einem alten Elefanten die Kraft, die Rinde von den Ästen zu reißen, um sie zu fressen, führen ihn seine Söhne und Neffen in die Sümpfe, wo die Blätter weich genug sind. Sie behandeln ihn mit dem tiefsten Respekt und größter Hingabe. Menschen können viel von Tieren lernen – über sich selbst und ihr Verhalten in Gruppen.

Eulen lieben absolut und zeigen ihr Mitgefühl

Neuerdings beschäftigen sich offenbar eine Menge Forscher unterschiedlichster Fachbereiche damit, was wir uns von Tieren abschauen können: Biologen bis hin zu Philosophen veröffentlichen dieses Jahr Bücher über die Erkenntnisse, die sie tierischen Gefährten verdanken. Eigentlich ist das ja nichts Ungewöhnliches. Schon der Schriftsteller Thomas Mann schilderte Anfang des letzten Jahrhunderts in der Erzählung „Herr und Hund“ Erlebnisse mit seinem Lieblingshund. Doch neu daran ist, dass die Autoren für ihre Studien die Gesellschaft von Exoten suchen: Statt mit Hund oder Katze umgeben sie sich eben mit Elefanten oder einer Eule, wie Stacey O’Brien in einem Langzeitversuch. Die kalifornische Biologin und Eulenforscherin lebte 19 Jahre lang mit Wesley, einer Schleiereule, zusammen. Sie erzählt in „Wesley oder Wie eine Eule mein Herz eroberte“ von der bemerkenswerten, weil so unbedingten Liebesfähigkeit der Eulen. Stirbt bei einem Eulenpärchen einer der Partner, erstarrt das überlebende Tier oft. Es dreht sich auf dem Ast weg, blickt auf den Stamm des Baumes, auf dem es sitzt. Es hört auf zu fressen und stirbt innerhalb weniger Tage. Diese extreme Reaktion sollte man sich als Mensch sicherlich nicht von der Eule abschauen – wohl aber, sich zumindest ausreichend Zeit für die Erstarrung zu lassen, für die Trauer, wenn man einen schweren Verlust hinzunehmen hat. Als O’Brien an einem Gehirntumor schwer erkrankt, spürt die Eule, dass O’Brien leidet: Sie schmiegt sich nachts an den Hals der Biologin und breitet ihre riesigen Schwingen über ihren Körper. Tiere spüren also die seelischen und körperlichen Nöte anderer Lebewesen. Sie leben Empathie und zeigen uns, dass Mitgefühl auch in kleinen Gesten Ausdruck finden kann.

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