Die unterschätzte Tugend

Demut und Dankbarkeit

Reumütige Ex-Banker, Politiker, die lieber tiefstapeln, Manager mit Mut zur Schwäche. Demut liegt im Trend. Das Gute daran: Wir leben alle zufriedener damit

Demut und Dankbarkeit

Neulich, an einem Samstagnachmittag, besuchte ich einen alten Freund. Achim ist Ende 40, Single und kinderlos. Er arbeitet in einer Behörde, hat dort einen gut bezahlten Job. Er macht ihn gern, aber auch schon lange. An diesem Samstagnachmittag treffe ich Achim im Treppenhaus – beim Putzen. „Das ist meine Art der Demut“, sagt er. Alle zwei Wochen wischt er im gesamten vierstöckigen Mietshaus den Flur. Für ein paar Euro. Aber um den Lohn geht es nicht. „Beim Putzen komme ich runter, raus aus der Tretühle Alltag“, erzählt er. „Es tut mir gut, mit meiner Hände Arbeit etwas zu leisten. Das habe ich in meinem Bürojob nicht.“

Achims Worte begleiten mich. Demut ... Kaum jemand verwendet dieses Wort noch. Ist es überhaupt zeitgemäß? Absolut! Demut ist aktueller denn je. Denn sie steht für Bescheidenheit, Achtsamkeit und Dankbarkeit. Und das sind keine in die Jahre gekommenen Tugenden. Die Gesellschaft entdeckt sie gerade wieder für sich.

Nehmen wir die Bescheidenheit: Die Finanzkrise hat zahlreiche Banker von ihrem hohen Ross fallen lassen, zum Teil bis in die harte Arbeitslosigkeit. Menschen, die bisher ausschließlich dem Prinzip „Immer schneller, höher, mehr“ folgten, gaben nun zu, dass die Gier der falsche Antrieb gewesen sei. Der bekannteste unter ihnen ist Thomas Brauße. Früher handelte er in einem von Frankfurts hohen Finanztürmen im 20. Stock mit Wertpapieren, heute verkauft er unten auf der Straße Currywurst und spricht in Talkshows über sein neues Leben. Er ist einer von vielen, die nicht zurückwollen in ihre alte Welt, die jetzt lieber etwas Handfestes und Ehrliches machen wollen. Vom Hochmut zur Demut: Wer demütig ist, hält sich nicht für etwas Besseres, sondern bleibt auf dem Boden. Deshalb putzt Achim auch so leidenschaftlich das Treppenhaus.

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Autor:
Gitta Schröder