Patchwork-Familien vs. das Klischee vom ewigen Glück
Zufriedene lange Liebe
Zweite Ehe, Fernbeziehung, Patchwork-Familie ... Was früher die Ausnahme war, ist heute normal. Doch zu hohe Ideale im Hinterkopf hindern uns oft noch daran, in dieser neuen Realität unser Glück zu finden.
Alles in ihrem Leben ist sauber, ordentlich und durchorganisiert. Kein Krümel liegt auf dem Boden, die Tagesdecke auf dem Bett wirft keine Falte, zur Geburtstagsfeier erscheinen sie um Punkt acht. So stellt man sie sich vor, die echten Perfektionisten. Doch Perfektionismus bezieht sich nicht nur auf die Dinge, die man ordnen und säubern kann. Er bezieht sich auch auf das, was Volksphilosoph und Erfolgsautor Richard David Precht in seinem neuen Buch „ein unordentliches Gefühl“ nennt. Auf die Liebe. Beziehungsweise genauer: auf die partnerschaftliche Liebesbeziehung. In den meisten Menschen – auch jenen, die nicht auf Krümel, Falten und Pünktlichkeit achten – steckt ein Perfektionist, wenn es um Liebe geht. Und dieser Perfektionismus hat einen Namen: AMEFI – „(A)lles (m)it (e)inem (f)ür (i)mmer“. So nennt Paarberater Michael Mary aus Hamburg den Traum, der in fast allen Köpfen herumschwirrt, obwohl die Wirklichkeit längst ganz anders aussieht.
„Lebt die Liebe, die ihr habt: Wie Beziehungen halten“ Michael Mary, rowohlt, 10 Euro
„Liebe: Ein unordentliches Gefühl“ Richard David Precht, Goldmann Verlag, 19,95 Euro
„Wie Partnerschaft gelingt – Spielregeln der Liebe: Beziehungskrisen sind Entwicklungschancen“ Hans Jellouschek, Herder Verlag, 9,95 Euro
„Das Glücksgeheimnis: Paare erzählen vom Gelingen ihrer Liebe“ Bärbel Schäfer/Monika Schuck/ Thomas Kläber, Gustav Kiepenheuer Verlag, 19,95 Euro
In der Realität trifft man nämlich immer seltener auf die ewig andauernde Ehe-Idylle, auf die rundum glückliche Werbespot-Familie mit Mann und Frau, Kindern, Haus und Hund. Rund 190 000 Ehen werden im Jahr geschieden, teilt das Statistische Bundesamt mit, knapp die Hälfte der geschiedenen Paare hat Kinder unter 18. Mehr als 2,6 Millionen Alleinerziehende leben in Deutschland. Jede siebte Familie ist bereits eine Patchwork-Familie, schätzt das Deutsche Jugendinstitut in München. Und etwa jedes achte Paar lebt in einer Fernbeziehung. Das ist die Realität. Oft wird sie schwarz gemalt. Dabei könnte man in Lebensentwürfen, die von der alten Norm, von der scheinbar perfekten Form „Glück zu zweit bis in alle Ewigkeit“ abweichen, ebenso glücklich sein: nach einer Scheidung mit einem neuen Partner, mit seinen Kindern aus erster Ehe, ohne Kinder, in getrennten Wohnungen... Wir wissen eigentlich, dass diese Beziehungen funktionieren und wundervoll sein können. Nur nehmen wir das oft nicht wahr. Weil sich das AMEFI-Ideal im Hinterkopf – selbst wenn man bereits erlebt hat, dass es scheitern kann – nicht so leicht abschalten lässt. Das ist das Problem. Wir sind Perfektionisten, aber die Liebe ist nicht perfekt. Wir vergleichen uns mit hohen Idealen und werten deshalb unsere eigene Beziehung ab.



Kommentieren