Ich ernähre eine Familie

Wenn Männer nicht arbeiten

Sie ist die Hauptverdienerin, er kümmert sich um die Kinder. In vielen Köpfen immer noch ein exotischer Rollentausch

Wenn Bettina Rottke in der Früh aus dem Haus ist, räumt ihr Mann rasch ein bisschen auf und trifft sich dann mit seinen Freundinnen zum zweiten Frühstück im Café. Hartmut Rottke, 40 Jahre, Vater einer 12-jährigen Tochter und eines 10-jährigen Sohnes, ist seit über sieben Jahren Hausmann – aus freien Stücken. „Ich finde es gut, so wie es ist“, sagt der gelernte Elektriker. Selbstzweifel oder gar Minderwertigkeitsgefühle sind ihm fremd.

Die Rottkes liegen im Trend. In 11,6 Prozent der deutschen Familienhaushalte bringt mittlerweile die Frau mehr Geld nach Hause als der Mann. Jedes achte Paar hat also die altbekannten Rollen – der Mann ist der Ernährer, die Frau vor allem für die Kinder verantwortlich – getauscht. „Der Anteil der weiblichen Familienernährer hat von 1991 bis 2006 um rund ein Drittel zugenommen“, sagt Ute Klammer, Professorin für Sozialpolitik an der Universität Duisburg-Essen. Zusammen mit Dr. Christina Klenner vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut untersucht sie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung genau diese neue Konstellation.

Gründe für den Rollentausch gibt es einige: Gleichberechtigung zum Beispiel. „Und viele Frauen sind einfach hervorragend ausgebildet, häufig sogar besser als die Männer“, so Klammer. Wenn in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie in diesem Jahr der Mann arbeitslos wird, kann häufig die Frau mit ihrem Job die Familie über die Runden bringen. Klammer vermutet aber, dass wieder mehr Männer zum Hauptverdiener werden, sobald sich die Lage verbessert. Schließlich ist das Modell „Frau ernährt Familie“ in vielen Köpfen immer noch bestenfalls ein exotisches und schlimmstenfalls eines, das den Mann zum Versager und die Frau zur Rabenmutter stempelt. „Es gibt da ein Übergangsproblem: Das Verhalten einer Gesellschaft ändert sich manchmal schneller als ihre Werte“, erklärt der Paartherapeut Dr. Stephan Lermer. So zufrieden die Rottkes mit ihrer Situation sind, zu Beginn gab es schon einige Kommentare im Dorf. Ob der nette Herr Rottke vielleicht doch was mit der ein oder anderen Hausfrau hat, mit der er immer frühstücken geht? „Die Leute glaubten, ich müsste eifersüchtig sein, weil mein Mann mit anderen Frauen unterwegs ist und stundenlang mit ihnen telefoniert“, sagt Bettina Rottke, kaufmännische Leiterin der Uni-Klinik Schleswig-Holstein. Verunsichert hat das Gerede die beiden nie. Sie haben sich bewusst für das andere Modell entschieden. „Ich muss arbeiten, sonst bin ich nicht glücklich“, sagt Bettina Rottke. Ihr Mann kocht, engagiert sich im Kindergarten, bei der Jugendfeuerwehr und betreut die Kinder.

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Autor:
Susanne Strätz