Report Die Liebe meines Lebens

Manchmal treffen wir auf Paare, von denen ein ganz besonderer Zauber ausgeht. Drei Frauen erzählen von den Menschen, die sie inspirieren.

Die Liebe meines Lebens Die Liebe meines Lebens © Yuri Arcurs-fotolia

Britta Hönscheid, 31, über ihre Eltern Ute, 53, und Jürgen Hönscheid, 54, Fuerteventura 

Für meine Eltern bedeutet Liebe, den anderen glücklich zu sehen. Dafür tun sie alles – ganz egal, ob es dem widerspricht, was die Gesellschaft von ihnen erwartet. Auf diese Weise haben sie heftige Schicksalsschläge überstanden: 1997 ist mein dreijähriger Bruder gestorben, weil eine Krankenschwester zwei Medikamente vertauscht hat. Als meine Mutter, wie wir alle damals, ganz verzweifelt war, hat mein Vater gesagt: „Wir müssen wieder glücklich werden, und wir werden das schaffen.“

Deshalb reisten sie mit uns Kindern direkt nach der Beerdigung nach Irland, um die Trauer wenigstens für ein paar Momente beim Surfen auf den Atlantikwellen zu verdrängen. Meine Eltern unterstützen sich bedingungslos, auch das bewundere ich an ihrer Beziehung. Als die Klinik den Behandlungsfehler an meinem Bruder nicht eingestehen wollte, hat meine Mutter sieben Jahre lang prozessiert.* Mein Vater war immer an ihrer Seite – auch wenn er selbst mit dem Verlust anders umgegangen ist und sich lieber zurückgezogen hat. Nach allem, was sie zusammen durchgestanden haben, ist den beiden die gemeinsame Zeit kostbar, kleinliches Gerangel wäre ihnen viel zu banal – das macht ihren Alltag so harmonisch.

Mein Vater ist Leistungssportler gewesen, surft bis heute fast täglich, und meine Mutter sagt nie: ,Um vier Uhr trinken wir aber Kaffee.‘ Zu diesem Zeitpunkt könnten ja gute Wellen sein. Und obwohl er sich beim Surfen tatsächlich schon das Genick gebrochen hat, verlangte sie nie von ihm, es aufzugeben. Zugleich führen sie eine, wie ich finde, sehr moderne Beziehung. Denn gäbe es irgendwann unüberwindbare Probleme, würden sie sich trennen. Beide wissen sehr wohl, dass ihre Liebe und die Partnerschaft, die daraus erwächst, nicht selbstverständlich sind. Das bringt meine Eltern dazu, jeden Tag aufs Neue daran zu arbeiten, dass ihre Verbindung perfekt bleibt. Mein Vater steckt meiner Mutter zum Beispiel kleine Liebesbriefchen zwischen die Unterlagen, und sie zieht ihn abends vors Haus, um mit ihm in den Sternenhimmel zu schauen. Da stehen sie dann: Meine Mutter, quirlig, gesellig, temperamentvoll, schmiegt sich an meinen Vater, den Friesen, Verschlossenen, Nachdenklichen. Die beiden sind grundverschieden, aber ihre Beziehung ist so warm und gleichmäßig wie die Wellen am Horizont. Und sie strahlen ein Glück aus, das mich tief berührt. Weil ich durch sie genau weiß, was für eine Liebe ich selbst gern einmal leben möchte.“

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Autor:
Julia Grosse, Kathrin Halfwassen