Wie sage ich's meiner Familie

Coming-Out: Ich bin lesbisch

Es beginnt als leise Sehnsucht – und wirft Utes Leben völlig aus der Bahn. Nach 17 Jahren erkennt sie: „Ich liebe eine Frau!“ Wie sagt man das dem Mann? Den Kindern?

Lesbisch Coming-Out: Ich bin lesbisch © iStockphoto

Meine Kinder stehen dicht vor mir, und so weit entfernt wie nie zuvor. „Ihr seid das Wichtigste in meinem Leben“, sage ich, aber hören sie mich? Katja ist 17 Jahre alt, Max 15. Sie halten die Köpfe gesenkt, weichen meinem Blick aus. „Lasst ihr euch jetzt scheiden, Mama?“, fragt Max. Ich ziehe ihn an mich, halte ihn fest.

Monatelang habe ich die Worte vor mich hin gewispert, mich gefragt, was passiert, wenn ich sie laut ausspreche. Jetzt stehen sie zwischen uns: „Ich liebe eine Frau.“ Natürlich habe ich es schon früher gemerkt. Mit 13 schwärmte ich für meine Sportlehrerin, mit 15 für meine beste Freundin. Aber Mädchen lieben Jungs. Etwas anderes auszuprobieren als in meinem kleinen Heimatdorf üblich? Unvorstellbar! Ich wollte normal sein, eine wie alle.

Mit 24 lernte ich Bernd kennen, einen Kollegen. Wir haben in den Mittagspausen auf einer Bank gesessen, Salatschalen auf den Knien balanciert, und Bernd hat erzählt. Von Radtouren nach Italien, von dem Haus, das er einmal bauen möchte. Ich habe ihm gern zugehört. Und als er mich zum ersten Mal küsste, hat es sich richtig angefühlt.

„Der Bernd, das ist ein Guter, ein Mann zum Heiraten“, sagte meine Mutter. Ein Mann, bei dem ich mich zu Hause fühlte. Was wollte ich mehr? Von Lust und Leidenschaft wusste ich nicht viel. Katja kam an meinem 26. Geburtstag zur Welt. Dann Max. Wir vier zogen in ein kleines Städtchen nahe Stuttgart. Bernd und ich waren glücklich und als Eltern ein gutes Team. Dass ich nur selten Lust auf Sex hatte, nahm er hin: Wir hatten zwei kleine Kinder und viel Arbeit, und um das Sexleben vieler unserer Freunde stand es nicht besser. Das ist ganz normal, dachte ich, es ist okay so. Ich liebte meine Kinder und meinen Mann.

Ich begegnete ihr an einem Wochenende im Juni 2008, als ich meine Freundin Sandra in Stuttgart besuchte. Bernd war mit den Kindern zum Zelten gefahren. Abends trafen Sandra und ich Freunde in einem Biergarten. Und sie gehörte zu der Runde. „Hallo, ich bin Petra“, sagte sie.

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Autor:
Evelin Hartmann