Report Scheidungskinder

Wenn Papa im Alltag fehlt entsteht eine Lücke in der Familie. Diese auszufüllen ist oft nicht einfach. Das wissen die rund 1,5 Millionen alleinerziehenden Mütter hierzulande nur zu gut. Zwei Frauen erzählen von ihren Erfahrungen, was sie vermissen, worauf sie achten. Ein Balance-Akt zwischen Liebe und Strenge

Scheidungskinder Scheidungskinder © Jalag Syndication

„Ich versuche oft, typische Vateraufgaben zu übernehmen“

Sonja Pfluger, 40 Die Bürokauffrau ist seit sieben Jahren geschieden. Sohn Maximilian, 14, wächst bei ihr auf

Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich so eine dominante Rolle in Maximilians Leben spiele. Es fehlt einfach etwas bei uns zu Hause. Und diese Lücke werde ich nie ganz ausfüllen können.

Mein Ex-Mann und ich sind seit sieben Jahren getrennt. Das Sorgerecht für unseren Sohn teilen wir uns. Das läuft unproblematisch, wir feiern Weihnachten sogar immer noch zu dritt. Ansonsten besucht Maximilian seinen Vater jedes zweite Wochenende in München, dazwischen telefonieren und mailen sie regelmäßig. Und trotzdem: Gerade jetzt, wo Maximilian in der Pubertät steckt, merke ich, wie wichtig eine Vaterfigur im Alltag wäre. Mein Sohn und ich haben zwar ein tiefes, inniges Verhältnis. Aber das ausgleichende Moment, das ein Mann hineinbringen würde, fehlt. Je älter Maximilian wird, desto mehr bräuchte er einen Papa, der auch mal den Ton angibt, ein echtes Familienoberhaupt eben. Wenn ich zum Beispiel stundenlang auf meinen Sprössling einreden muss, damit er Mathe lernt oder endlich seine Hausaufgaben macht, wünsche ich mir, es gäbe da jemanden, der mich bei der Erziehung unterstützt. Doch wenn Maximilian jedes zweite Wochenende zu seinem Vater fährt, dann ist das wie Urlaub für die beiden. Da werden alle kritischen Themen beiseitegeschoben, um sich ja die beiden gemeinsamen Tage nicht zu verderben. Beruflich ist Papa für Maximilian ein großes Vorbild. Aber in anderen wichtigen Bereichen, etwa charakterlich oder im Umgang mit Freunden, kann er ihm gar nicht nacheifern, weil er seinen Vater dafür viel zu wenig erlebt.

Bei mir lief das anders. Mein eigener Vater war und ist beispielsweise in Sachen Sport ein Vorbild für mich. Er nimmt mich auch jetzt noch etwa zum Mountainbiken mit, und selbstverständlich versuche ich, mindestens genauso schnell wie er zu sein. Dieses Kräftemessen zwischen Papa und Kind kennt Maximilian gar nicht. Ganz bewusst habe ich deshalb immer versucht, typische Vateraufgaben so gut wie möglich zu übernehmen: Ich repariere zum Beispiel bei uns zu Hause alles selbst, spiele mit unserem Sohn Fußball und bin auch am Computer total fit. Aber ich musste feststellen, dass es gar nicht so sehr darum geht, was ein Vater im Alltag normalerweise tut. Ich vermute, es ist das männliche Wesen, das bei uns in der Woche fehlt.“

1 2 3