Kolumne Amelie Fried

Nächtliche Notrufe

Wie man als Mutter Punkten kann - und das bei den eigenen Kindern

Mütterliche Ratschläge stehen bei größeren Kindern nicht hoch im Kurs. Kein Achtzehnjähriger will hören, wie er seine Freundin behandeln oder sich beim Fahren auf regennasser Straße verhalten soll, obwohl wir Mütter nichts lieber tun würden, als unsere wertvolle Lebenserfahrung weiterzugeben. Bei Mädchen beginnt es noch früher, sie finden spätestens ab 13, 14, dass Mama nervt und keine Ahnung hat. Das ist ganz schön schmerzhaft für uns, aber die Zukunft hält Trost bereit: Kaum sind die Kinder aus dem Haus, wird ihnen bewusst, was ihnen fehlt: Mamas Küche! Die selbst gemachten Spätzle. Der Kartoffelauflauf, den niemand anders  so saftig hinbekommt. Der köstliche Marmorkuchen mit Schokoguss, den es  jedes Jahr zum Geburtstag gab.

Kürzlich erzählte mir meine Mutter von nächtlichen Notanrufen meines Bruders, als der zum ersten Mal allein wohnte  und Freunde bekochen wollte. „Du Muddi (bei uns zu Hause wird schwäbisch  gesprochen), i hab grad Schteaks in der Pfanne, wie macht mer denn die  Pfeffersoß, die du immer gmacht hasch?“ (Dijon-Senf, Rotwein, grüner  Pfeffer, Sahne). „Danke, Muddi, bisch halt doch die Beschte.“ Hah! Wenn das keine Genugtuung ist!

Auch ich koche oft nach den Rezepten meiner Mutter, die bereits die Rezepte ihrer Mutter und ihrer Großmutter waren und die sie mir zur Hochzeit geschenkt hat. Im Originalrezept des bereits erwähnten Marmorkuchens steht: „Eigelb und Zucker eine halbe Stunde rühren, dann Butter hinzufügen und eine weitere halbe Stunde rühren.“ Mich rührt die Vorstellung, dass in unserer  Familie dieser Marmorkuchen schon gebacken und gegessen wurde, als es noch keine elektrischen Rührgeräte gab, also praktisch seit der Steinzeit. Und dass  auch eines meiner Kinder vielleicht eines Nachts anruft und fragt: „Du, Mama, wie ging noch mal dieser Marmorkuchen, den du uns immer gebacken hast? Du weißt ja, Lilli hat morgen ihren ersten Geburtstag.“

Ich bin dann schon Großmutter und Lilli ist meine Enkeltochter. Und vielleicht wird auch Lilli eines Tages bei ihrer Mutter (oder ihrem Vater) anrufen und nach dem Rezept fragen… Schluss. Ich werde sentimental. Ohnehin fürchte ich, dass die Ära des Marmorkuchens zu Ende geht. Neulich backte (oder buk?) meine Tochter Zitronenmuffins, die so köstlich waren, dass Lilli sich vermutlich das Rezept geben lassen wird. Ich hab’s mir auch schon geben lassen. Manchmal können Mütter auch von ihren Töchtern lernen.  

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Amelie Fried