Dunkles Geheimnis

Familiengeheimnisse

Nora ahnte schon als Kind, dass in der Familie etwas nicht stimmt. Die Wahrheit war ein Schock – aber auch eine Befreiung.

Die jüngere Schwester und den Bruder, die umarmte der Vater. Die wirbelte er durch die Luft. Sie aber stand immer daneben – warum zeigte er ihr nie Zärtlichkeit? Nora, Künstlerin, heute 43 Jahre, spürte schon als kleines Kind, dass etwas nicht stimmt. Den Grund für die Zurückweisungen suchte sie lange bei sich. Glaubte, nicht gut genug zu sein, strengte sich mehr an, wurde Klassenbeste – half nicht. Wohl und geborgen fühlte sie sich nur bei ihrem Großvater, dem Vater ihrer Mutter, die bei einem Bergunfall starb, als Nora sieben Jahre war.

Für ihn war sie das Lieblingskind, wurde mehr in den Arm genommen als ihre Geschwister und mit Murmeln und Schokolade verwöhnt. „Er war für mich der liebevollste Mensch“, sagt Nora. Als der Großvater vor zweieinhalb Jahren starb, entdeckte sie in seinem Hobbykeller ein Bündel Briefe. Kein Name, keine Unterschrift. Dafür Worte, die Sehnsucht ausdrückten und eine Liebe, die wohl geheim bleiben sollte. Denn der letzte Satz lautete: „Zu niemandem ein Wort, das verspreche ich.“

Jeder weiß davon, alle schweigen

Da wurde ihr langsam klar, dass sie einem Geheimnis auf der Spur war. Sie vertraute sich ihrer Tante an. Und erfuhr: „Die Briefe hat ihm deine Mutter geschrieben.“ Diese tiefe, gut gehütete Liebe – das waren ihre Mutter und ihr Großvater? Ein Liebespaar? Dann hörte Nora von der Tante den Satz, der ihr Gewissheit brachte: „Die beiden haben zusammen ein Kind gezeugt.“ Für Nora war sofort klar: Dieses Kind bin ich! Ein Inzest-Kind! Nora empfand erst Scham, dann Selbsthass, wie sie sagt. Wut folgte. Auf alle, die sie belogen hatten, ihre beiden Väter, ihre Mutter, die Tante. Was dann kam, war vor allem Trauer. Denn jetzt war es zu spät, um sich mit ihrem richtigen Vater auszusprechen. Peter Kaiser, Psychotherapeut und Dozent für Klinische Psychologie an der Hochschule Vechta, sagt: „Solche Geheimnisse in der Familie sind genau genommen keine. Alle wissen davon, aber man hat sich auf ein Redeverbot geeinigt – meist stillschweigend.“

Das kann Familien zusammenhalten, aber auch großen Schaden anrichten. „Kinder, die wissen, dass etwas vor ihnen verschwiegen wird, konstruieren ihre eigenen Geschichten. Und die können wesentlich schlimmer sein als die Wahrheit“, so der Therapeut.

Schicksal Kuckuckskind: Jedes zehnte in Deutschland geborene Baby ist einem Scheinvater untergeschoben worden, das schätzt die „Interessengemeinschaft für Abstammungsgutachen“ in Dortmund. „Dabei haben sowohl Väter als auch Kinder ein Recht, die Wahrheit zu erfahren“, betont Peter Kaiser. Nicht selten entscheiden sich Scheinväter dann, die Lebenslüge aufrechtzuerhalten, um das Bild der heilen Familie zu wahren. Und das Kind? Wenn es Vorbehalte spürt, fühlt es sich ausgegrenzt. Das wirkt sich, so Kaiser, zuerst belastend auf das Eltern-Kind-Verhältnis aus, später auf die Partnerschaften. Weil man der eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut. Die Folge: extremes Misstrauen und große Probleme mit Nähe.

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Autor:
Sylvie-Sophie Schindler