Mutter-Tochter

Der eigenen Mutter verzeihen

Ihre Kindheit ist geprägt von der Gefühlskälte der Mutter. Nie mehr Kontakt zur Familie, schwört sich Laura Hirtus (43). Dann wird ihre Mutter schwer krank. Kann es jetzt noch eine Versöhnung geben?

Mutter-Tochter

Fünf Jahre bin ich alt. Diffuse Erinnerungen mischen sich mit Erzähltem. Ich sehe mich im Dunkeln liegen und weinen. Nacht für Nacht sei das so gewesen, hat die Oma später gemeint. Fünf Jahre hatten wir alle zusammen in einem Haus gewohnt: Mama, Papa, Papas Mutter und ich. Mama arbeitete als Näherin, Papa in einer Fabrik. Zu wenig Geld für eine schöne Wohnung. Fotos zeigen dennoch ein glückliches Kind. Ich spiele im Garten, klettere auf Bäume, hänge mir Kirschen an die Ohren.

Es gibt aber noch andere Fotos: gestellte Szenen mit Mama und Papa. Zur Schau gestelltes Glück. Im wirklichen Leben: Eltern, die funktionieren. Organisieren. Sich dabei aber nur um sich selbst drehen. Das Kind ist dabei nur im Weg. Doch damals, als ich fünf war, lag Hoffnung in der Luft: Papas neuer Job. Bald weniger Stress. Mehr Geld. Eine eigene Wohnung. Wir würden eine richtige Familie sein: Mama, Papa, Kind. Ich habe mich gefreut. Auf mein eigenes Zimmer. Auf geregelte Verhältnisse. Die Wohnung: einen Block weiter. Kisten packen. Zukunft malen. „Habt ihr nicht was vergessen?“, fragte die Oma meine Eltern, als alles so weit war. Im Flur auf der Bank saß ich, erwartungsfroh. „Nein, haben wir nicht.“ Sie sind einfach gegangen. Und ließen mich bei Oma und Opa zurück.

Ich bin zehn, als meine Oma mich in den Arm nimmt. „Du bist jetzt alt genug, um alles zu erfahren“, sagt sie. Sie müsse mir etwas Trauriges sagen. Etwas Trauriges? Trotzdem habe ich gedacht: „Endlich!“ Kindern kann man ja nichts vormachen. Man merkt so was: Wenn man sich an den Wochenenden, denn nur dann war ich bei meinen Eltern, fühlt wie auf Besuch. Wenn die Oma, die einen unter der Woche hat, eigentlich die Mutter ist. Da läuft doch was falsch. Das weiß man. Aber man kann es nicht benennen. Man kennt es nicht anders. „Oma, warum wohne ich eigentlich bei dir?“ Immer wieder hatte ich sie in letzter Zeit gelöchert. Mit zehn ist man nicht mehr klein. Die Fragen werden mutiger. Immer wieder war sie ausgewichen.

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Autor:
Elisabeth Hussendörfer