Angehörige von Alkoholikern
Leben mit Alkoholikern
Ihr Vater trank sich zu Tode, auch ihre Schwester ist alkoholkrank. Doch Anja (48) hatte Glück – sie fand Menschen, mit denen sie sich trotz aller Probleme und Belastungen ein schönes Leben aufbauen konnte.
Papa trinkt. Ich weiß nicht, wann ich den Satz das erste Mal dachte. War ich zehn? Zwölf? Nur die Situation, in der ich den Satz erstmals zuließ, die sehe ich noch vor mir. Mein Lieblingslehrer, Herr Böhm, hatte mich gefragt, ob meine Eltern eine Party planten. Er habe meinen Vater im Supermarkt getroffen, vorm Weinregal, den Einkaufswagen voll mit Flaschen. In dem Moment war ich schlagartig erwachsen, wusste einfach, dass ich jetzt lügen muss. „Ja“, sagte ich tapfer lächelnd, „wir feiern ein Fest.“
Ein Kind hat keine Vergleichsmöglichkeiten, deshalb akzeptiert es seine Welt, wie sie ist. Bis zu diesem Moment war alles, was ich mit meinem Vater erlebte, für mich normal gewesen. Frühmorgens ging er ins Büro, abends kam er heim, redete ein bisschen, setzte sich ins Wohnzimmer, goss sich das erste Glas Rotwein ein. Meine Mutter schaffte es geschickt, mich und meine fünf Jahre ältere Schwester Imke fernzuhalten von dem, was sich Abend für Abend hinter verschlossener Tür abspielte: Vater saß in seinem Sessel, starrte vor sich hin, rauchte, trank. „Papa braucht Ruhe“, sagte Mama. Abendessen gab es in der Küche, dort saßen wir zu dritt, bis Mama sagte: „So, Mädels, schlafen gehen …“ Dann lag ich im Bett, verkroch mich in die Fantasiewelt meiner geliebten Bücher, Astrid Lindgren, Enid Blyton, John Steinbeck.
Die Sucht begann früher
Heute weiß ich, dass die Sucht meines Vaters viel früher begonnen haben muss, schon bevor ich auf der Welt war. Vielleicht war er erblich vorbelastet, mein Opa soll ein jähzorniger Trinker gewesen sein. Doch solange mein Vater im Job funktionierte, fiel keinem etwas auf. Nur, mit der Zeit änderte sich das. Immer öfter verlor er die Kontrolle über sich. Einmal kam er aus dem verqualmten Wohnzimmer, als ich mit meiner Mutter in der Küche saß. Anstatt auf die Toilette zu gehen, was er wohl vorhatte, öffnete er aus Versehen die Haustür, taumelte auf die Straße, die Hose hing ihm in den Kniekehlen. Es war furchtbar, ihn so zu sehen, volltrunken, würdelos. Ein Auto konnte im letzten Moment noch bremsen. Aber der Vorfall änderte nichts. Meine Mutter muss damals oft verzweifelt gewesen sein, der Arzt verschrieb ihr Valium.



Deja vie
wie seltsam und unfassbar, das könnte meine Geschichte sein.
Heute bin ich Lehrerin für die Fächer Deutsch und Englisch. Die inspirierende Figur meines Lebens war meine Deutschlehrerin. Sie war das Rollenvorbild, das es mir ermöglichte, den Wahnsinn der Kindheit in einem Trinkerhaushalt hinter mir zu lassen.
Die geschilderte Flucht in die Fantasiewelten der Bücher, das betrunkene Randalieren, die Flucht in die serielle Monogamie und die letztliche Bindungslosigkeit über lange Jahre, Scham- und Schuldgefühle - und die Rettung durch den festen Willen, etwas von der heilenden Erfahrung der Literatur an Jugendliche weiterzugeben.
Mein Vater ist nach vier Herzoperationen noch am Leben. Er tut mir leid als ein Mensch, der sich seinen "Dämonen" aus Schwäche völlig hingegeben hat. Meine Mutter hat nach langen Jahren der Verdrängung endlich zugeben können, was passiert ist und wir haben die Vorgänge weitestgehend miteinander aufgearbeitet - es ist schön, sich nach all den Vorwürfen auch an manch Gutes in der Kindheit gemeinsam zu erinnern.
Danke.
von Isolt ~