Kolumne Amelie Fried Soll man Gastgeber anlügen

Amelie Fried fragt sich, ob man die Wahrheit sagen soll, auch wenn man damit einen Abend ruiniert

Feigheit vor dem Freund Soll man Gastgeber anlügen © microimages-Fotolia

Kennen Sie das? Sie sind zum Essen eingeladen. Die Gastgeberin ist eine bekannt schlechte Köchin und macht ihrem Ruf an diesem Abend alle Ehre. Der Salat ist sauer und schmeckt nach rohen Zwiebeln, das Fleisch ist trocken, die Soße fad, der Nachtisch viel zu süß. Alle am Tisch übertreffen sich gegenseitig darin, das Essen in den höchsten Tönen zu loben. „Das ist ja köstlich!“ „Wie hast du das nur so zart hingekriegt?“ „Verrätst du uns das Rezept?“ Ich beiße mir auf die Zunge und sage nichts, weil ich nicht lügen, aber auch nicht unhöflich sein will.

Einige der Gäste sind mir nicht bekannt, umso neugieriger höre ich zu, was gesprochen wird. Erst ist es nur der übliche Small Talk, dann nimmt die Unterhaltung eine Wendung ins Politische. Auf einmal sagt ein offensichtlich wohlsituierter Herr (Kaschmirpulli, Seidenkrawatte, Budapester Schuhe): „Man müsste Hartz IV radikal kürzen, dann würden die Leute schon arbeiten. Wer soll denn diese hohen Sozialleistungen bezahlen?“ Mir fällt sofort eine Entgegnung ein: „Du natürlich, du blöder Kaschmir-Fuzzi. Du und ich und all die anderen, die sorglos auf Einladungen rumsitzen und teuren Rotwein trinken können, weil sie in ihrem Leben Bildungschancen hatten, von denen die Empfänger dieser Sozialleistungen nur träumen können!“ Natürlich sage ich es nicht laut. Und ärgere mich hinterher darüber.

Mein Tischherr langweilt mich mit endlosen Schilderungen seiner Verdienste um den Vertrieb einer neuartigen Software. Ich unterdrücke ein Gähnen und denke, dass ich viel lieber wissen würde, wie er es mit seiner grässlichen Frau aushält (die gegenüber sitzt und uns unablässig mit Blicken kontrolliert), ob er schon mal gekifft oder in einem Moment der Überforderung seine Kinder geschlagen hat. Natürlich traue ich mich nicht, ihn zu fragen, und so labert er weiter und glaubt vermutlich auch noch, ein grandioser Unterhalter zu sein.

Warum ist es bloß so schwierig, ehrlich zu sein, ohne unhöflich zu werden? Wenn ich in diesen Situationen sagen würde, was ich denke, würde es unweigerlich zum Eklat kommen. Wenn ich aus Freundschaft zu den Gastgebern die Klappe halte, fühle ich mich feige und verlogen. Am Ende solcher Abende bin ich wütend auf mich selbst und lasse es auf der Rückfahrt an meinem Mann aus. Wir streiten, er verzeiht mir, und dann ziehen wir gemeinsam über die Gäste her. Wenigstens einer, bei dem ich ehrlich sein darf!

 
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Amelie Fried