Star-Talk Ursula von der Leyen im Interview

Sie hält nichts von Sprechblasen und lauten Auftritten: CDU-Politikerin Ursula von der Leyen nimmt in diesem Gespräch kein Blatt vor den Mund.

Ursula von der Leyen Ursula von der Leyen im Interview © Getty Images

Für Sie: Als Ihr zweites Kind geboren wurde, haben Sie als Ärztin gearbeitet. Ein Kollege hat damals gefragt, ob Sie zu faul zum Arbeiten seien. Was haben Sie geantwortet?

Gar nichts, ich war erstarrt und zutiefst verletzt. Ich wunderte mich: Wieso kann man in Deutschland Beruf und Kinder nicht verbinden?

Sie haben vier Jahre in Amerika gelebt. War es da einfacher?

Oh ja! Ich kam mit drei Kindern an und bekam dort zwei weitere, und es stellte sich immer nur die Frage „Welche Kita?“ – nicht, ob man überhaupt einen Platz bekommt. Mitte der Neunziger nach Deutschland zurückzukehren war wie ein Rückfall ins Mittelalter. Erst 1996 gab es auch bei uns einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. 2013 wird es mit den Kitas genauso sein.

Seit zehn Jahren sind Sie politisch aktiv. Hat dieser Beruf Sie verändert?

Ja, natürlich. Ich habe gelernt abzuwägen, bin vorsichtiger geworden, das ist ein Vorteil. Denn ich möchte meine Ideen ja umsetzen. Früher war ich wie meine Kinder, die mir – patsch! – ihre Wahrheiten ins Gesicht donnern.

Begreifen Ihre Kinder, was Mami macht?

Zum Teil. Ich bemühe mich aber, es ihnen verständlich zu machen: eine gute Übung, nicht in Sprechblasen zu reden.

Sie haben fünf Brüder. Hat Sie das für den rauen politischen Alltag gewappnet?

Durch meine Brüder habe ich früh gelernt, wie Männer sich durchsetzen. Dieses Lautwerden, den Raum einnehmen allein durch physische Präsenz ...

... das dürfte für eine zierliche Person wie Sie nicht einfach sein.

Nein, so kann ich natürlich nicht gegenhalten. Aber eine freundliche Bemerkung, ob ich meinem Gegenüber eine Rechnung meines Ohrenarztes schicken soll, wirkt auch. Frauen sollten eher leiser werden, wenn sie sich durchsetzen wollen. Das ist viel effektiver.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie als Politikerin stets unter Beobachtung stehen?

Man braucht seine Schutzräume. Da bin ich inzwischen wie mein Vater, der wollte abends auch nicht mehr weg. Aber wenn ich dann mal unter Menschen bin und ein junges Paar kommt auf mich zu und sagt: „Ohne Sie und das Elterngeld hätte es unser Kind nicht gegeben“ – das tut schon gut!

Ihr Vater Ernst Albrecht ist vor einigen Jahren an Demenz erkrankt. Sie leben mit ihm unter einem Dach. Wie geht es ihm?

Er ist subjektiv gesehen glücklich und zufrieden, obwohl er vieles nicht mehr erkennt. Er sagt manchmal: „Ich hatte ein gutes, schönes Leben.“

Wenn Sie zurückblicken: Vermissen Sie es, als Ärztin zu arbeiten?

Ein Teil von mir hängt noch an dem sehr direkten, engen Kontakt zu den Menschen, es ist nach wie vor ein Traumberuf. Ganz früher wollte ich übrigens immer einen Bauernhof haben. Für die Politik habe ich mich entschieden, weil ich auch immer gestalten und verändern wollte.

Noch ein paar Fragen in Kürze: Ihr größter Erfolg, Ihre größte Niederlage?

Elterngeld und Kitaplätze waren Meilensteine, auch wegen der gesellschaftlichen Diskussion. Das gilt jetzt ebenso für das Bildungspaket. Es wird etwas verändern, allen Schwierigkeiten zum Trotz. Das Aus für das Sperrgesetz gegen Kinderpornografie im Internet ist bitter, ich weiß immer noch nicht, warum wir nicht löschen und sperren können. Da haben sich leider zwei Dinge ungut vermischt: der Kampf gegen Kinderpornografie und Bedenken, dass dadurch die Freiheit im Internet gefährdet wird.

Frauenquote: ja oder nein?

Ja, absolut! Die Frage ist doch: Was trauen wir unseren Töchtern zu? Die alte Devise „In der Breite ja, in der Spitze nein“ muss endlich Vergangenheit sein!

Können Sie kochen?

Ja, am besten Masse: Eintopf, Nudeln, Reis. Aber inzwischen können es meine Großen auch ganz wunderbar. Besonders asiatisch, mit viel Gemüse. Lecker!

Was ist die blödeste Journalistenfrage?

„Meine Frau hat mir aufgetragen, zu fragen, wie Sie es schaffen, mit sieben Kindern Ministerin zu sein.“ Dann würde ich am liebsten zurückfragen: „Wie haben Sie es denn geschafft, sich heute morgen zu rasieren?“

 
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Autor:
Evelyn Holst