Choreograph John Neumeier im Interview

Als Chefchoreograf prägt John Neumeier seit fast 40 Jahren das Hamburg Ballett. Hier spricht er über Disziplin, Begeisterung und den Film „Black Swan“.

John Neumeier John Neumeier im Interview © Getty Images

Für Sie: Auf Fotos sieht man Sie oft in einer Denkerpose: Ist Tanzen Kopfarbeit?

Nein, absolut nicht. Es ist eine instinktive Arbeit: Man muss zwar seinen Körper trainieren. Und in der Vorbereitung gibt es viel zu recherchieren, zu lesen, nachzudenken. Aber in dem Moment, in dem man kreativ sein will, muss das Wissen loslassen. Es muss verinnerlicht sein, dann beeinflusst es, wie man sich bewegt. Allein vom Kopf her kann man keine gute Choreografie entwickeln.

Und welche Rolle spielt Disziplin?

Ohne Disziplin kann ich nichts erreichen. Wenn ich meinen Fuß nicht strecke, kann ich kein Ballett tanzen. Aber für alles, was man auf sich nimmt, bekommt man auch etwas. Es ist zum Beispiel schwer, täglich auf dem Crosstrainer zu stehen – aber man weiß, dass es gut fürs Herz ist. Und als Tänzer ist das Tanzen selbst die Belohnung.

Fällt es Ihnen leicht, diszipliniert zu sein?

Wenn ich die ganze Nacht in einer Kneipe verbringe, was ich wahrscheinlich noch nie in meinem Leben gemacht habe, dann wäre ich am nächsten Tag nicht fit für eine Probe, wo 50 Menschen vor mir stehen und darauf warten, dass ich eine Bewegung erfinde. Da ich weiß, dass ich viel lieber 50 Menschen in einem Ballettsaal inspiriere, als in einer Kneipe zu sitzen, fällt es mir nicht schwer, auf Letzteres zu verzichten.

Waren Sie schon mal in einer Disko?

(lacht) Ja, in einer Diskothek war ich schon ein- oder zweimal. Aber das ist schon eine ganze Weile her.

Hat jemand wie Sie, der so sehr in seinem Beruf aufgeht, trotzdem auch mal Zweifel?

Natürlich. Ständig. Weil man glaubt, dass man nicht gut genug ist. Dass man nicht weit genug kommt. Der Mensch ist so. Man geht nicht immer nach oben, sondern durchlebt Höhen und Tiefen.

Sie haben sich in einem Interview gegen den Kinofilm „Black Swan“ ausgesprochen, in dem Natalie Portman eine professionelle Balletttänzerin spielt. Warum?

In einer Zeitung stand sogar, dass ich einen „Feldzug“ betreibe. Das ist eine totale Übertreibung. Ich habe ein einziges Interview gegeben, in dem ich meine Meinung sehr offen formuliert habe.

Und wie denken Sie über den Film?

Ich finde den Film nicht gut, weil er weder spannend ist noch ein Thriller. Es ist die Geschichte einer kranken Frau. Ihr Ziel ist es, den schwarzen Schwan zu tanzen. Was das wirklich bedeutet – das wird nicht gezeigt. Es ist wie ein Film über einen Klavierspieler, in dem nie der Ton eines Klaviers erklingt.

Vermittelt der Film also ein falsches Bild über die Ballettwelt?

Natürlich gibt es beim Ballett Probleme wie Magersucht. Aber die gibt es anderswo ebenfalls. Ballett, das ist so viel mehr! Wenn ich Kinder hätte, nicht viel über Ballett wüsste und diesen Film für real halten würde, wäre ich verunsichert.

Glauben Sie wirklich, dass Menschen Spielfilme mit der Realität verwechseln?

Ich weiß zum Beispiel von einer Kollegin, dass Menschen beim Royal Ballet London anrufen und fragen, wann Natalie Portman „Schwanensee“ tanzt!

Zurück zu Ihnen: Seit 38 Jahren sind Sie Chef des Hamburg Ballett. So lange an einem Ort, obwohl Ihr Beruf von Bewegung geprägt ist – wie passt das zusammen?

Wir bewegen uns durchaus. Die Compagnie ist oft auf Tournee, ich arbeite viel mit anderen Ensembles. Außerdem hat sich das Hamburg Ballett in den letzten 38 Jahren weiterentwickelt. Von einem kleinen Zimmer, in dem der Ballettdirektor mit seiner Halbtagssekretärin saß, hin zu einem erfolgreichen Ballettzentrum mit Nachwuchsförderung in der eigenen Schule und einem Bundesjugendballett. Wäre heute noch alles so wie 1973, als ich nach Hamburg kam, dann wäre ich nicht geblieben.

Sie werden nächstes Jahr 70. Wie haben Sie sich so jung gehalten?

Natürlich war ich physisch immer sehr aktiv. Ich bin es immer noch, zumindest auf dem Crosstrainer. Und auch bei den Proben sitze ich nicht, sondern bin ständig in Bewegung, mache etwas vor, helfe bei einer Hebefigur. Und was ganz wichtig ist: Ich habe die Begeisterung und Liebe für diese Kunst, die Neugier, was ich noch machen kann, nie verloren.

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Autor:
Verena Reygers