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Interview: Ute Lemper

Von wegen Diva: Deutschlands erfolgreichste Chansonnière gibt sich bodenständig, natürlich und erfrischend normal. Ein Gespräch mit Ute Lemper.

Ute Lemper Interview: Ute Lemper © Pedro Gonzalez Castillo/LatinContent/Getty Images

Steckbrief

Geboren: Als Ute Gertrud Lemper am 4. Juli 1963 in Münster. Sie nimmt früh Klavier- und Ballettunterricht.
Karriere: Erste Hauptrollen in den Musicals „Peter Pan“, „Der blaue Engel“, „Chicago“ und „Starlight Express“. Der internationale Durchbruch gelingt ihr 1987 in Paris – als Sally Bowles in „Cabaret“. Ab Februar tourt sie mit ihrem Album „Forever – The Love Poems Of Pablo Neruda“, einer Hommage an den chilenischen Literaturnobelpreisträger, durch Deutschland. Karten: www.ticcats.de

Sie spricht fünf Sprachen, tourt mit bis zu sechs verschiedenen Programmen, präsentiert sich gern als unnahbarer Star und polarisiert das Feuilleton wie keine Zweite. Meist, weil sie sagt, was sie denkt. Und das hat ihr den Ruf der Rebellin und schwierigen Künstlerin beschert. Doch im FÜR SIE-Interview ist davon nichts zu spüren: „La Lemper“ empfängt in ihrer Garderobe im Osnabrücker Theater am Dom, trägt Lederjacke, Schal und Bundfaltenhose.

Frau Lemper, Sie sind im letzten Sommer 50 geworden. Wie gehen Sie mit dem Alter um?

Ich bin froh über meine Lebenserfahrung. Wobei ich mich im Kopf und im Herzen viel, viel jünger fühle. Na gut, der Körper hat seine Wehwehchen. Mein Rücken tut oft weh, ich habe ein paar Bandscheiben, die rausgesprungen sind. Aber Gott sei Dank sind die Knie noch in Ordnung. Das Einzige, was mir Sorgen macht, ist der Ausblick nach vorn. Denn in zehn Jahren bin ich 60, dann 70. Das Vorne sieht mittlerweile kürzer aus als das Hinten.

Gibt es eine Deadline? Nach dem Motto: Ich möchte mit 65 aufhören?

Nein. I’ll go with the flow.

Sie leben in Amerika, wo plastische Chirurgie und Botox ganz normal sind. Käme das auch für Sie infrage, oder würden Sie zu viel von Ihrer Mimik, die ja zu Ihren Markenzeichen zählt, verlieren?

Ich habe Angst davor. Durch Gesichtsbewegungen finde ich meinen Ton beim Singen. Sprich: Es ist das, was ich auf der Bühne brauche. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich das ohne anfühlt. Es ist eine richtige Lähmung.

Zudem haben Sie eine Aversion gegen Fitness-Studios. Wie halten Sie sich dann fit, und wo trainieren Sie?

In meinem Schlafzimmer. Wenn ich zu Hause bin, mache ich 20 Minuten pro Tag. Und zwar: Bauchmuskeln, Rückenmuskeln und ein bisschen Krafttraining. Alles, was ich durch meine Tanzjahre gestretcht habe, soll gestretcht bleiben. Meine Tochter guckt sich das an und meint: „How do you do that? You are 50 years old.“ (Kichert.)

Trotz des Alters – so sagen Sie – sei Ihr „innerer Dämon“ noch aktiv. Wie meinen Sie das eigentlich?

Tja, so richtig vernünftig bin ich immer noch nicht. Ich habe nach wie vor einen Knall im Kopf, ein paar Schrauben locker – und das ist auch gut. Rumfantasieren, genießen, viel trinken und auch mal ausflippen – solche Sachen gehören eben zu mir.

Wie definieren Sie Glück?

Es ist so etwas wie Schicksal. Und ich würde sagen, dass ich viel Glück im Leben habe. Obwohl es ein schwieriger Weg war und man sich oft bis zur totalen Erschöpfung verausgaben musste, um das zu tun, was man liebt. Auf der anderen Seite ist Glück für mich Liebe, Kinder, künstlerische Freiheit, finanzielle Unabhängigkeit und eine Stadt, in der man sich wohlfühlt.

Was macht New York zur Wahlheimat?

Die kulturelle Vielfalt – und die Offenheit der Menschen. In der 110. Straße beginnt Harlem, dann kommt Spanish Harlem, und unten sind Queens oder das East Village. Diese Nachbarschaften haben völlig unterschiedliche Identitäten. Was ich sehr genieße. Ich meine, in den Achtzigern war ich Europäerin. Da habe ich ein halbes Jahr in Paris gelebt, ein halbes Jahr in London, Rom oder Berlin. Doch erst als ich 1997 nach New York ging, bin ich wirklich Weltbürger geworden.

Gibt es denn noch etwas typisch Deutsches an Ihnen?

Da müssen Sie meine Familie fragen. Die macht sich ständig darüber lustig, dass ich so deutsch bin. Etwa was den Akzent betrifft und die Art und Weise, bestimmte Dinge auszudrücken. Außerdem meine Sparsamkeit, also kein Geld rauszuschmeißen für unnötige Dinge. Oder auch Disziplin mit Schulaufgaben. Aber sonst bin ich eine sehr liberale Mutter. Meine Kinder dürfen alles. Die haben keinen Grund, sich gegen mich aufzulehnen.

Will ein Kind in Ihre Fußstapfen treten?

Nein, sie sind zwar alle musikalisch begabt, wollen das aber nicht zum Beruf machen. Mein Sohn studiert Wirtschaft und Französisch, meine Tochter möchte mit Politikwissenschaften anfangen und dann zu Jura wechseln.

Klingt nach teurer Eliteausbildung …

Furchtbar teuer. Katastrophe! Deshalb überlege ich, wieder nach Europa zu ziehen, wo die Kinder eine staatliche Ausbildung hätten. Ist doch völliger Quatsch, was das in Amerika kostet.

Sind Tourneen für Sie als Vierfachmutter auch so etwas wie kleine Fluchten?

(Lacht.) Stimmt. Auf Tour kann ich endlich mal mein Buch rausholen. Und ich liebe es, im Bett zu kuscheln, meine Brille aufzusetzen und zu lesen. Den Fernseher schalte ich gar nicht ein, sondern konzentriere mich ganz auf meine kleine Kopfwelt. Das ist spannender.

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