Interview

Meryl Streep

Die großartige Meryl Streep ist seit über 30 Jahren erfolgreiche Schauspielerin. Wir haben mit ihr gesprochen. In unserer Galerie können Sie sich davon überzeugen, wie wunderbar sie auch mit über 60 noch aussieht.

Schauspielerin Meryl Streep im FÜR SIE Interview Meryl Streep © Getty Images

Sie hat die Ausstrahlung einer jungen Frau: heiteres Lächeln, quicklebendiger Blick, der sofort ihr Gegenüber fokussiert. Die matte Dämmerstimmung in der Suite des Londoner „Soho Hotels“ verfliegt in Sekunden. Das also ist Meryl Streep. 62 Jahre alt. Eigentlich gar nicht zu glauben.

FÜR SIE: Mrs. Streep, in Ihrem neuen Film spielen Sie die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher. Würden Sie sie wählen, wenn sie noch Politikerin wäre?

Meryl Streep: Schwer zu sagen. In den 80ern hätte ich das garantiert nicht getan. Meine Freunde und ich warfen sie in einen Topf mit Ronald Reagan, wir mokierten uns über ihre Frisur, ihre plumpe Kleidung. Differenzierter war mein Bild damals nicht. Aber obwohl ich politisch anderer Meinung bin, bewundere ich Maggie Thatcher inzwischen. Ich meine: Sie hat es als Tochter eines Lebensmittelhändlers nach Oxford geschafft! Das war damals schon eine gewaltige Leistung. Sie wurde zur ersten Regierungschefin der westlichen Welt – davor habe ich Ehrfurcht.

Von Feminismus hielt Maggie Thatcher nichts. Wie ist das bei Ihnen?

Aber sicher bin ich Feministin. Schauen Sie sich an, wer bei diesem Film mitgemacht hat. Die Autorin, die Regisseurin, die Hauptdarstellerin – wir alle denken feministisch. Und wir waren die Einzigen, die die Geschichte aus dem Blickwinkel der alten Margaret Thatcher erzählen wollten, die schon die ersten Spuren von Demenz zeigt. In den USA warfen uns die männlichen Kritiker vor: „Hey, in 30 Prozent des Films ist sie alt.“ Aber wir wollten keine triumphale Aufstiegs-Saga erzählen. Bei uns geht es um eine Person, die ihre Macht aufgegeben und die Wertschätzung für andere, menschliche Dinge wiederentdeckt hat. Diese Perspektive finde ich ja schon richtig subversiv.

Sie meinen: Der weibliche Blickwinkel interessiert sich eher für die menschlichen Aspekte – und weniger für Macht?

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen zu einfach. Trotzdem. Männer definieren sich eher über beruflichen Erfolg. Sie verstehen nicht ganz die Leistung, die darin besteht, Kinder großzuziehen oder ein glückliches Familienleben zu führen. Meine Mutter gestand mir mal, dass sie gern Barsängerin geworden wäre, wenn sie nicht mich und meine beiden Brüder gehabt hätte.

Ihnen selbst gelang in Hollywood eine beispiellose Karriere. Wie konnten Sie diese Beschränkungen abstreifen?

Weil sich die menschliche Spezies weiterentwickelt hat. Ich gehöre zu einer Generation, für die das berufliche Erfolgsstreben eine wesentlich größere Rolle spielte. Und ich hätte meine Karriere sehr ungern aufgegeben, als ich meine Kinder hatte. Ich habe zwar hausfrauliche Qualitäten, aber ich wäre als Hausfrau nicht glücklich geworden. Ich brauche ein Ventil, um meine Gefühle herauszulassen – und genau das finde ich in der Schauspielerei.

Trotzdem verlangte dieses Leben als Star und Mutter eine Menge Energie. Woher nahmen Sie die?

Keine Ahnung. Irgendwie hatte ich immer gewaltige Reserven. Wobei ich eigentlich recht faul bin. Aber wenn ich einen Job habe, dann reiße ich mich zusammen. Denn ich fürchte zu scheitern. Es ist erstaunlich, zu was einen pure Angst treiben kann (lacht).

In der Politik wollten Sie diese Energie aber nie einsetzen?

Nein. Das Einzige, was mich noch interessiert hätte, war, Anwältin für Umweltrecht zu werden. Aber nichts macht mich so glücklich wie die Schauspielerei. Als ich seinerzeit ein Stipendium für die Theater-Fakultät in Yale bekam, waren meine Geldsorgen vorbei. So musste ich mir keine Alternative überlegen.

Dafür haben Sie die Landschaft von Hollywood verändert. Früher bekamen Schauspielerinnen fortgeschrittenen Alters kaum nennenswerte Rollen …

Ich weiß, ich kann es selbst kaum glauben. Es hängt damit zusammen, dass sich auch die Filmbranche weiterentwickelt hat. Es gibt viel mehr Frauen im Management, die über die Finanzierung von Filmen entscheiden. Es gibt mehr Autorinnen und Regisseurinnen. Heute ist die beste Zeit für Frauen. Aber es ist nicht so, dass ich 50 tolle Drehbücher pro Jahr bekomme. Und die Filme werden weiterhin in erster Linie für das männliche Publikum gemacht. Wir haben also noch ein Stück Weg vor uns. Aber eines weiß ich: Die Welt wird besser für uns alle, für Männer und Frauen.

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