Stars

Interview: Juliette Binoche

Die Oscarpreisträgerin ist so aktiv wie noch nie, sie dreht einen Film nach dem anderen. Privat lässt Juliette Binoche es allerdings etwas ruhiger angehen.

Juliette Binoche & Clive Owen im FÜR SIE Interview Interview: Juliette Binoche © Getty Images

Steckbrief - Juliette Binoche

  • Geboren: am 9. März 1964 in Paris als Tochter eines Künstlerehepaars.
  • Karriere: Bekannt wurde sie 1988 durch die Romanadaption „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Ihre größten Erfolge feierte sie mit ihrer Rolle in „Der englische Patient“, für die sie 1997 einen Oscar bekam, sowie mit dem Film „Chocolat“.
  • Privat: Binoche war von 1999 bis 2003 mit dem zehn Jahre jüngeren Schauspieler Benoît Magimel liiert. Mit ihm hat sie eine Tochter, Hana (14). Ihr Sohn Raphaël (20) stammt aus einer früheren Beziehung.

Sie ist eine der wandlungsfähigsten Schauspielerinnen des französischen Kinos. Ob Kunstdramen, Hollywood-Action oder leichte Tragikomödien wie „Words and Pictures“ (ab 22. Mai): Juliette Binoche verleiht jeder Rolle eine zutiefst menschliche In ten sität. Im Gespräch mit der 50-Jährigen wird klar, woher sie diese Vielfalt an Emo tionen nimmt. Auf den ersten Blick wirkt sie zerbrechlich, doch ihre Augen strahlen quick lebendig, mal koboldhaft frech, mal nachdenklich. Immer wieder zieht ein Lächeln über ihr Gesicht, das sich gelegentlich in einem wohligen Lachen entlädt.

Wir sehen Sie in diesen Wochen in un ge wohnten Rollen. Erst nehmen Sie es mit „Godzilla“ auf, dann wird es ro mantisch, wenn Sie sich in „Words and Pictures“ mit Ihrem Kollegen anlegen.

Ich wollte eine Abwechslung zu meinen ganzen dramatischen Rollen. „Words and Pictures“ war wie Urlaub für mich. Und mit „Godzilla“ wollte ich meinem 20-jährigen Sohn eine Freude bereiten.

Sehen Ihre Kinder denn Ihre Filme?

Eigentlich nicht, was völlig in Ordnung ist. Es ist sehr aufreibend, wenn du auf großer Leinwand siehst, wie deine Mutter extreme Erfahrungen durchmacht. Meinen Kindern ist das zu viel, besonders meiner Tochter, die ist 14.

Sie haben beide allein großgezogen, während Sie gleichzeitig Filme drehten. Wie schwer war das?

Es hat für beide Seiten Kompromisse bedeutet. Ich konnte nicht die Mama sein, die immer da ist. Aber meine Kinder sind mit mir gereist, und ich habe immer versucht, ihnen so viel Zeit wie möglich zu geben. Auch jetzt noch, wo mein Sohn längst aus dem Haus ist.

Womit verbringen Sie sonst Ihre rare Freizeit?

Mein einziges Hobby ist Malen. Das war übrigens auch ein Grund, weshalb ich „Words and Pictures“ drehte, weil ich eine Künstlerin spiele und die Gemälde für den Film selbst malen konnte.

Im Film geht es um eine Liebesgeschichte. Real haben Sie nie die eine große Beziehung erlebt …

Aber ich habe sehr wohl Liebe erfahren, auf die verschiedenste Weise. Ich kenne die Variante, wo du emotional abhängig bist und die Liebe dich runterzieht und wieder aufbaut. Je reifer ich geworden bin, desto tiefer und glücklicher ist meine Liebe geworden.

Aber geheiratet haben Sie nie. Warum?

Ich will hier jetzt keine Psychotherapie machen (lacht). Aber es fühlte sich einfach nicht notwendig für mich an. Und wahrscheinlich fehlte das entscheidende Quäntchen Vertrauen.

Verspüren Sie nie das Bedürfnis, von Ihrem Beruf abzuschalten? Immerhin spielen Sie häufig Frauen, die am Rand des Zusammenbruchs stehen.

Mein größtes Bedürfnis ist es zu arbeiten. Ich weiß, es gab Phasen, da habe ich eine verzweifelte Frau nach der anderen gespielt. Aber so etwas ist auch Seelennahrung, weil ich mich dabei mit meinen eigenen Ängsten konfrontiere.

Apropos eigene Ängste: Was machen Sie, wenn Sie selbst einmal verzweifelt sind?

Meine seelischen Höhen und Tiefen verwandle ich in Kunst. Das ist mein großes Privileg.

Aber Sie können ja nicht immer einen Film drehen, wenn Sie morgens auf wachen und sich schlecht fühlen …

Dann male ich eben. Ich will solche Tiefpunkte gar nicht verleugnen, die gehören zum Leben dazu. Ohne sie würden wir uns nicht verändern, nicht wachsen. Wenn du negative Emotionen zulässt, kannst du leichter damit umgehen. Das ist eine Voraussetzung, um Glück zu empfinden.

Reicht das schon für Ihr Wohlbefinden?

Nein, ich mache auch Sport. Und ich versuche, gut zu essen. Alkohol meide ich. Ich lebe da fast wie eine Nonne. Das ist der beste Weg, um meine Energie zu erhalten und aufzubauen. Nur so kann ich meine Seele öffnen und mich einer Rolle hingeben.

Brauchen Sie in diesem nonnenhaften Leben auch Gott?

Was ich brauche, ist eine Beziehung zu einer spirituellen Welt, einen Kontakt in der Vertikalen. Ich glaube, wenn du nur in der Horizontalen lebst, stirbst du innerlich.

Das klingt ein bisschen verschwurbelt.

Was ich meine, ist, dass du dich für höhere Kräfte des Kosmos öffnen musst. Natürlich verweigert sich da der rationale Verstand, aber du solltest dich nicht von ihm leiten lassen, sondern von deinem Herzen.

 
Schlagworte:
Autor:
Rüdiger Sturm