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Interview: Judi Dench

Mit fast 80 gönnt sich die Schauspielerin Judi Dench noch immer keine Ruhe. Jetzt glänzt sie in einem Film über ein wahres Frauenschicksal.

Interview: Judi Dench ©

Steckbrief

Geborgen: am 9. Dezember 1934 in York als jüngstes von fünf Kindern.
Privat: 1971 heiratete sie den Schauspieler Michael Williams, der 2001 an Lungenkrebs verstarb. Aus der Ehe stammt Tochter Tara (41), genannt Finty.
Karriere: Vor gut drei Jahren wurde Judi Dench von den Engländern zur „Besten britischen Theaterschauspielerin aller Zeiten“ gewählt. In über 70 Stücken stand sie auf der Bühne, darunter zahlreiche Shakespeare-Werke. Seit den 80er-Jahren ist sie regelmäßig in Filmen zu sehen. Die Rolle als Elizabeth I. in „Shakespeare in Love“ brachte ihr 1999 den Oscar für die „Beste weibliche Nebenrolle“ ein.

Judi Dench muss man einfach mögen. Die Britin mit dem weißblonden Bubikopf und den veilchenblauen Augen ist kein bisschen englisch blasiert. Von der „Dame“, zu der sie die Queen 1988 geadelt hat, ist ihr nichts anzumerken, sie sei „nur Judi“, betont sie. Auf Bühne und Leinwand wird sie geliebt – und das nicht erst, seit sie James Bond als strenge Chefin den Marsch blies. Mittlerweile ist Judi Dench 79 Jahre alt, als „M“ pensioniert, aber ihr blitzt noch immer der Schalk aus den Augen. Im Drama „Philomena“, das am 27. Februar in die Kinos kommt und auf einer wahren Begebenheit beruht, spielt sie eine resolute Frau, die ihrer Tochter ein lang gehütetes Geheimnis verrät: Vor ihrer Heirat bekam sie ein uneheliches Baby und wurde nach drei Jahren gezwungen, den Sohn zur Adoption freizugeben. Ihr größter Wunsch ist zu erfahren, ob er wohlauf ist.

Können Sie sich vorstellen, dass Ihnendas Kind weggenommen wird und Sie in 50 Jahren kein Wort darüber verlieren?

Nein. Diese Frau muss all die Jahre jeden Tag an ihren Sohn gedacht haben. Ich bin erschüttert, wie lang sie diesen Verlust in sich eingemauert hat. Es muss doch Abende gegeben haben, wo sie gelöst war, ein Glas Wein getrunken hatte – aber nicht mal da ist ihr etwas herausgerutscht. Und dass sie, nachdem ihr so viel Leid angetan wurde, den Beteiligten auch noch vergibt – das macht diese Geschichte so einzigartig.

Haben Sie Philomena so erlebt, wie der Film sie schildert?

Ja, unbedingt. Sie hat eine Mischung aus unglaublicher Naivität und entwaffnendem Humor. Über den ersten Sex sagte sie: „Ich ahnte gar nicht, dass ich eine Klitoris habe!“

„Philomena“ wurde bei der Premiere mit Standing Ovations bedacht. Fällt Ihnen Ihr Handwerk mit zunehmendem Alter leichter?

Nein. Eher schwerer, weil der Erwartungsdruck steigt und ich mir den Text nicht mehr so gut merken kann. Mein Mann sagte immer: „Du lernst deinen Text nicht auswendig, du erfasst ihn organisch.“ Früher habe ich ein Drehbuch gelesen und den Text dabei gleich behalten. Das funktioniert nicht mehr.

Sie haben 1999 für „Shakespeare in Love“ einen Oscar gewonnen. Was für Erinnerungen haben Sie an den Abend?

Nur wenige. Ich weiß noch, dass mein Mann mich anstupste, als mein Name verlesen wurde. Und dass Robin Williams sich vor mir verbeugte. Ich bin mit James Coburn im Aufzug gefahren. Er war sehr, sehr groß. Und ich neben ihm sehr, sehr klein!

Beeindruckt es Sie immer noch, an der Oscar-Zeremonie teilzunehmen?

O ja! Ich bin verrückt nach Stars! Einmal hat mich meine Tochter Finty begleitet, sie schwärmt für Antonio Banderas. Im Foyer kam er zu uns herüber und fragte nach einer Zigarette. Da hätten sie mal Fintys Hand sehen sollen, sie zitterte vor Aufregung! Aber oft muss ich auch sie fragen: „Wer war das noch?“

Schade, dass Sie nun nicht mehr bei James Bond dabei sind. Sie gehörten doch quasi zum Inventar!

Ich glaube, der Geheimdienst hätte mich in meinem Alter schon längst vor die Tür gesetzt (lacht)!

Wie hat man Sie einst dazu gekriegt, bei Bond mitzuspielen?

Ich fühlte mich extrem geschmeichelt, und mein verstorbener Mann fand es einfach unwiderstehlich, fortan mit einer Bond-Frau zusammenzuleben.

Sie sind seit 2001 verwitwet. Ihr Mann, der Schauspieler Michael Williams, war Ihre große Liebe. Wie haben Sie mit dem Verlust zu leben gelernt?

Ich habe gemerkt, wie wertvoll die Zeit ist, die man zu leben hat. Daher wollte ich im übertragenen Sinn den Motor meines Wagens nicht abstellen und habe immer weitergearbeitet. Mit 40 hätte ich mir vielleicht eine Auszeit gegönnt, aber mit über 70 konnte ich mir das nicht leisten. Ich habe das große Glück, dass ich einen Beruf ausübe, den ich liebe, und dass ich mit Menschen arbeite, die ich bewundere. Obwohl ich eine Tochter und einen Enkel habe, ist mein Leben noch eng verknüpft mit diesen Künstlern.

Viele Schauspielerinnen haben schon mit 40 Angst vorm Alter und kaufen sich ein neues Gesicht. Wie stehen Sie dazu?

Ich warte noch, bis die mit ihrer Technik weiter sind und ich nachmittags mal hinhuschen und abends mit einem frischen Gesicht zum Dinner gehen kann. Ich liege doch nicht wochenlang mit Bandagen im Gesicht herum!

 
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