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Interview: Jamie Cullum

Auf seinem neuen, poppigen Album „Momentum“ singt Jamie Cullum mitreißend über Fluch und Segen des Erwachsenseins. Wir haben ihn zum persönlichen Gespräch getroffen.

Jamie Cullum Interview: Jamie Cullum © Getty Images

Jamie Cullum - Steckbrief

  • Geboren: am 20. August 1979 in Essex, England, aufgewachsen in Wiltshire.
  • Privat: Seit 2010 verheiratet mit dem britischen Topmodel Sophie Dahl, die inzwischen auch als Autorin erfolgreich ist. Das Paar hat zwei Töchter, Lyra (2 Jahre) und Margot (7 Monate).
  • Karriere: Die Begeisterung für Musik erbte Jamie von seinem israelischen Vater und seiner burmesischen Mutter, die ebenfalls eine Band hatten. Sein Studium (Literatur und Film) finanzierte er durch Auftritte in Pubs. 2003 erschien sein drittes Album „Twentysomething“ mit eigenen Songs (zum Teil mit seinem Bruder Ben geschrieben) und Interpretationen von Jazz-Standards. Erwartet wurden 50 000 Verkäufe – es erreichte 2,5 Millionen und war sein Durchbruch.

Hopp, hopp, mit zwei Sprüngen hüpft er auf das Klavier. Reißt den Arm hoch, brüllt ins Mikro, hopst mit seitlich angewinkelten Beinen wieder auf die Bühne, tänzelt, wirft sich auf den Schemel vor dem Flügel, lässt die Hände über die Tasten sprudeln – Jamie Cullum ist 2003 nicht nur durch seinen Mix aus Jazz, Pop und Rock berühmt geworden. Sondern auch wegen seiner beschwingten, oft improvisierten Konzerte. Nun tourt der 1,63 Meter kleine Star mit seiner neuen Platte „Momentum“ durch Europa. Zum FÜR SIE-Interview bin ich mit dem Songwriter in Coburg verabredet. In natura ist er noch kleiner und zierlicher, und sein fein geschnittenes Gesicht lässt die Gene seiner burmesischen Mutter erkennen. Während des Gesprächs zappelt er wie ein Teenager auf dem Sessel herum.

Jamie, Ihre jüngste Tochter Margot ist erst sieben Monate alt, und Sie sind auf Tour – vermissen Sie die Familie?

Klar. Die ersten sechs Wochen nach der Geburt war ich zu Hause. Jetzt muss ich wieder arbeiten, und Sophie stillt noch. Wir versuchen, eine gute Balance zu finden. Wenn ich Konzerte gebe, konzentriere ich mich ein paar Tage ganz darauf, dann fliege ich zurück nach England. Wenn ich durch die Haustür komme, bin ich ausschließlich Ehemann und Vater.

Und müde, so beschreiben Sie es in „Everything You Didn’t Do“. Wie kommen Sie damit zurecht?

Es ist schwieriger, als ich dachte, wirklich hart (gähnt). Entweder arbeite ich oder kümmere mich um die Kinder, oder ich versuche zu schlafen. Doch es sind ja nur ein paar wenige Jahre, in denen man als Eltern so gefordert ist. Klar würde ich gern mal ins Kino gehen, aber auf das ganze Leben gerechnet sind noch reichlich Jahre übrig. Die Zeit jetzt ist ein wunderbarer Rausch, der auch schwupp (schnippst mit den Fingern) wieder vorbeigeht.

Sie sind ja kürzlich von London aufs Land gezogen …

… der Kinder wegen, wir wollten einfacher leben. Ich bin selbst auf dem Land aufgewachsen. Ich habe dort mein Arbeitszimmer und bin erstaunlich produktiv. Meine Frau sagt, dass ich ziemlich fleißig geworden bin!

Die Songs des neuen Albums „Momentum“ haben Sie auch dort komponiert?

Ich wollte einfach nicht dauernd in die Stadt ins Studio fahren. Wenn ich spontan eine Idee hatte, habe ich benutzt, was da war: das Kinder-Keyboard meiner Tochter, einen Plastik-Kassettenrekorder, mein Smartphone. Da ist so eine App drauf, zum Klavierspielen, hat man immer zur Hand!

Und wovon erzählen die Lieder?

Sie haben viel zu tun mit diesem Übergang von der Jugend zum Erwachsenenleben. Ich habe das Gefühl, jetzt mit 34 voll in dieser Zeit zu leben, das wollte ich in meine Songs bringen. Alles zieht so schnell vorbei, es ist verrückt … Aber die Musik sorgt dafür, dass ich im Moment lebe. Ich bin kein Buddhist, aber es leuchtet mir ein, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Auf die Tasten des Klaviers, auf den Regen, Menschen um mich – so spüre ich jeden Moment.

When I Get Famous“ heißt einer dieser Songs – wie haben Sie sich als Schüler das Berühmtsein vorgestellt?

Ich wollte gar nicht berühmt werden! Ich habe Musik gemacht, um Mädchen kennenzulernen und auf Partys zu kommen. Ich war ja nie der gut aussehende Gewinner, der die Mädchen um sich schart. Wenigstens war es eine kleine Schule auf dem platten Land. Deshalb war früher oder später jeder mal mit jedem zusammen.

Und heute? Ist es eine Befriedigung, allen zeigen zu können, dass man es geschafft hat?

Hab ich das? Ich für mich habe nach wie vor den Eindruck, auf einer Reise zu sein. Von dem, was ich erreichen will, habe ich erst zehn Prozent geschafft. Natürlich bin ich froh über meinen Erfolg, aber ich habe das nie erwartet: ein großes Auto, Reichtum, berühmt sein, im Fernsehen auftreten. Gut, dass ich nicht mit einer Castingshow bekannt geworden bin, das wäre ein Albtraum gewesen.

Warum denn das?

Weil ich dann die lustigsten Sachen verpasst hätte: in der Garage spielen, in Kneipen, auf wilden Partys feiern, mit der Band herumreisen. Im Fernsehen zu sein ist der Teil, der am wenigsten Spaß macht. Das versuche ich im Song „You’re Not The Only One“ den jungen Künstlern zu sagen, die unbedingt berühmt werden wollen: Es ist hart in dieser Industrie. Man braucht ein dickes Fell, eine Geschichte, ein Ziel und einen unbeirrbaren Spirit.

Klingt, als seien Sie ganz froh, nicht mehr 20 zu sein?

Na ja, man weiß erst, wie toll es war, wenn es vorbei ist. Aber das Älterwerden hat definitiv auch seine Vorteile. Man kennt sich selbst besser. Wenn du weißt, wer du bist, verleiht dir das große Freiheit. Du verplemperst deine Zeit nicht mehr mit Dingen, die dich eigentlich gar nicht interessieren.

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