Modedesigner

Interview: Guido Maria Kretschmer

Niemand sagt uns so charmant, was wir tragen können, wie Guido Maria Kretschmer (47), dem Designer aus der Fernsehsendung „Shopping Queen“. Er übt sich jedoch nicht nur als Fashion-Juror, sondern präsentiert seine Kollektion zwei mal im Jahr auf der Fashion Week in Berlin. Promis aus der ganzen Welt lieben seine Kreationen. Wir haben unseren Lieblings-Designer getroffen.

guido maria kretschmer - Interessantes Interview mit Guido Maria Kretschmer Interview: Guido Maria Kretschmer © Getty Images

Herr Kretschmer, Hand aufs Herz: Wie viele Punkte geben Sie mir für mein Outfit?

Acht von zehn Punkten. Sie sind reingekommen, und ich hab sofort gedacht: Ach guck mal, eine moderne Frau, die Lust auf Mode hat. Ob ich jetzt genau das Kleid mit genau dem Stiefel und dem Ring kombinieren würde, sei dahingestellt. Aber das ist Ihr Look – selbstverständlich und mutig. So etwas haut mich um und freut mich.

Die Looks anderer Menschen bewerten – können Sie das überhaupt noch abstellen? Beim Bäcker, im Kino, an der Tankstelle?

Als das Angebot zu „Shopping Queen“ kam, sagte meine Mutter: „Guido, das ist für dich gemacht. Weißt du nicht mehr? Als du noch ein Kind warst und hinten im Auto saßt, mussten wir manchmal anhalten, weil du das Kleid einer Passantin noch mal kurz sehen wolltest.“ Wenn wir bei Karstadt waren, saß ich bei Capri-Sonne und Butterbrot und hab Frauen angeguckt und gemalt. Das macht mir bis heute Freude. Frauen und ihr Outfit anzusehen. Wenn eine Frau aus der Kabine kommt und ihr Kleid gefunden hat, dann wird sie vor dem Spiegel zum Mädchen – da kann sie 75 sein.

Haben Sie noch Freundinnen? Oder sind die alle schon weggelaufen?

Ich bin ganz handzahm und habe viele Freunde und Freundinnen. Und wenn mich jemand bittet, dann helfe ich. Vor Kurzem kam ein Praktikant und sagte: „Herr Kretschmer, ich habe so zugenommen, aber ich möchte flott aussehen. Was mache ich denn bloß?“ Da hab ich ihn geschnappt, und wir sind zwei Stunden durch Zara und H&M geflitzt. Jeder von uns hat etwas Schönes, in jeder Konfektionsgröße. Du musst nur gucken, dass du deine Vorzüge stärkst, dann läuft’s auch.

Geben Sie seit „Shopping Queen“ öfter auch mal ungefragt Ratschläge?

Oh ja, das kann passieren. Ich habe das Gefühl, „Shopping Queen“ ist zu einer regelrechten Bewegung geworden. Die Leute interessieren sich für Mode, da herrscht Bedarf. Aber die Sendung zeigt auch, dass man sich auf dem Weg dahin verlieren kann. Ich mache gern mein Ding mit den Reichen und Schönen, aber ich habe nie vergessen, wo ich herkomme. Ich möchte den Leuten Vielfalt zeigen. Ich möchte, dass kleine Mädchen verstehen, dass man nicht nur in Size Zero schön sein kann – nicht jeder ist dazu gemacht, so schlank zu sein. Ich versuche, diese körperlichen Unzulänglichkeiten in eine Welt zu verpacken, in der Frauen sich wohlfühlen. Klamotten sind für viele mit so viel Unglück verbunden – das ist schade.

Wie viel Ehrlichkeit muss eine Frau aushalten?

Frauen müssen gar nichts. Und sie haben ja eh schon die Tendenz, zu selbstkritisch zu sein. Deshalb wäre es auch mein Traum, dass es irgendwann „Endlich 40“-Partys gibt. Für Frauen, die Kleidergröße 40 erreicht haben und damit fein sind. Denn wenn du älter wirst, gehst du eben ein wenig in die Breite, das ist ganz normal. Kauft euch Sachen, die euch passen! Fühlt euch wohl damit! Nehmt das an!

Und ist es andersherum okay, der Freundin zu sagen, wenn sie danebengegriffen hat?

Ja, aber man macht das auf nette Weise. Kritik mag ja niemand. Man sollte mit etwas Gutem anfangen. Wenn meine Freundin also einen dicken Hintern hat und gern Leggings trägt, dann könnte ich sagen: „Was ich an deinem Körper ja so toll finde, sind deine weiblichen Rundungen. Aber trag das doch bitte nicht so eng. Du siehst dich nicht von hinten, und das rutscht hoch und sieht nicht schön aus. Guck doch mal, ob du nicht …“ Und sofort wieder etwas Positives sagen! So mache ich das auch. Freundschaft bedeutet, aufeinander aufzupassen. Das ist dein Sozius, dein Partner. Diese Art Verantwortung gehört dazu.

Sie verpacken ja nicht immer alles nett. Warum nimmt Ihnen das keiner übel?

Die Kandidatinnen merken, dass ich Empathie ausstrahle. Und außerdem nehme ich mich auch immer selbst mit auf die Schippe. Ich nehme mich nicht raus – ich bin eins von den Mädels. Ich weiß selbst, was es heißt, nicht in eine Jeans zu passen. Ich weiß, was es heißt, aufpassen zu müssen, weil’s einem einfach zu gut schmeckt. Ich bin ein Junge aus dem Volk, ich bin nicht mit dem Kaviarlöffel im Hals geboren. Dass ich mich nie von dem verabschiedet habe, der ich immer war, macht mich glaubhaft.

Erzählen Sie den Kandidatinnen eigentlich mehr als das, was wir sehen?

Ja, natürlich. Ich drehe pro Kandidatin zweieinhalb Stunden. Ich stehe oft da und erzähle einer, was in ihrem Leben nicht stimmt. „Das geht so nicht, Sie müssen Ihren Mann verlassen“ oder: „Sie sind so charmant, aber ganz ehrlich, Ihre Tochter geht gar nicht. Das müssen Sie anders machen.“ Das mache ich, wenn ich merke, dass Leute völlig verloren sind. Aber es kommt auch vor, dass eine blöde Kuh dabei ist. Wir sind eben nicht alle immer nett; es gibt auch unfreundliche Menschen. Manchmal muss ich auch das sagen.

Teilen Sie denn privat auch aus?

Um Gottes willen! Ich bin bekannt als „Professional Friend“. Ich bin ein fürsorglicher Freund und öffne mich sehr. Auch in der Sendung. Manchmal vielleicht zu sehr.

Sie vermitteln ja auch Stilregeln. Mangelt es uns an gutem Stil?

Nein, das ist es nicht. Ich glaube aber, dass weniger mehr ist. Ich sehe es fast als meine sozialpolitische Aufgabe an, den Leuten zu erklären: Lebt nicht über eure Verhältnisse! Wenn ihr euch nicht zehn Jacken kaufen könnt, dann kauft eben nur eine. Die eine, die euch nach einer langen Kaffeepause immer noch im Kopf herumspukt. Die eine, von der ihr glaubt, dass sie eurem Leben wirklich einen Zugewinn garantiert. Die eine, die mehr als eine Saison schafft.

Das ist leichter gesagt als getan. Shoppen macht leider Spaß.

Aber Shoppen ist kein Hobby. Gucken ist das Hobby. Ich habe mein Leben lang geguckt, in meiner Fantasie habe ich alles besessen. Heute kann ich mir vieles erlauben – aber warum? Weil ich träumen konnte. Nicht jeder von uns kann Cameron Diaz sein mit 5000 Paar Schuhen im Schrank.

Dennoch wollen Sie ja Freude an guter Kleidung vermitteln – oder?

Natürlich. Mode kann dir eine Welt eröffnen, von deren Existenz du nicht einmal etwas geahnt hast. Du kannst ein armes, kleines Mädchen sein, das zwei kleine Kinder zu versorgen hat. Doch an diesem einen Tag kaufst du dir das eine hübsche Teil, von mir aus im Second Hand, und du fühlst dich wie Jackie Kennedy. Du sitzt im Café, und alle glauben, du seist ein amerikanischer Filmstar. Du kannst alles sein. Mit Mode kannst du alles sein.

Was ist denn guter Stil für Sie?

Guter Stil ist die Harmonie zwischen der Körperform und dem Look, den man trägt. Und er ist auch die kleine Schwester von Eleganz, was nichts anderes heißt, als auch mal reduziert zu sein. Damit genug Raum bleibt für den Menschen, der man ist. Man darf nie vergessen: Der Kopf guckt oben raus, und ich muss mich immer noch fragen wollen: Wer ist dieser Mensch eigentlich? Das hat auch mit einem gepflegten Äußeren zu tun.

Sind dünne Frauen im Vorteil?

Das sind sie insofern, als Mode für dünn gemacht ist. Unser Weltbild sieht so aus, dass wir nur an dünn alles schön empfinden. Aber es ist ja kein Verdienst, schlank zu sein. Gesund ist das Stichwort: Es gibt sehr schöne 42er und 44er. Aber wer nicht mehr heben und laufen oder Treppen steigen kann, sollte aufpassen. Eine gesunde Beweglichkeit ist viel wichtiger, als total dünn zu sein.

Und was macht eine Frau schön?

Schön ist, aus den körperlichen Möglichkeiten, die ich habe, das Beste zu machen. Wenn ich Doppelkinn habe, muss ich Dekolleté tragen, um mich zu strecken. Dürre Haare schneide ich kurz und trage ein tolles Augen-Makeup oder eine angesagte Brille. Dicke Haare setze ich in Szene, füllige Ärmchen verstecke ich – so halt. Ich muss wissen, wer ich bin. Mich vor den Spiegel stellen und genau gucken: Wen hat der liebe Gott da gemacht?

 

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