Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter im Interview

"Scheitern habe ich von meinen Kindern gelernt." Vor 35 Jahren stand sie zum ersten Mal auf der großen Bühne. Zum Jubiläum sprachen wir mit Anne-Sophie Mutter (48) über Muttersein und Älterwerden.

Anne Sophie Mutter Anne-Sophie Mutter im Interview © Sammy Hart

Für Sie: Am 23. August 1976 hatten Sie bei den Musikfestwochen Luzern Ihren ersten großen Auftritt. Was ist Ihnen davon in Erinnerung geblieben?

Dass ich beim Reingehen fast fatal gestürzt wäre. So hoch waren Ihre Absätze? So hoch hatte sich der Perserteppich gewellt! Ich hatte flache Schuhe an, mit Riemchen, grottenhässlich. Aber natürlich bestimmten meine Eltern, was ich anziehe. Ich war ja erst 13.

Jetzt sind Sie 48. Mit 45, haben Sie mal gesagt …

… höre ich auf. Ja. Und jetzt geigt die Frau immer noch (lacht). Es gibt in jeder Generation Musiker, die mit dem Zenit im Rücken auf der Bühne stehen. Das sollte mir nie passieren! Also erzählte ich eben irgendwas von wegen mit 45 Jahren … Aus meinem Blickwinkel damals war das uralt. Dann wurde ich 40, 45, und heute, mit 48, fühle ich mich eigentlich immer noch ziemlich gut.

Ist es als Frau schwieriger, in der Öffentlichkeit zu altern?

Es hilft, mit seinem Leben und seinem Charakter im Reinen zu sein.

Sind Sie mit sich im Reinen?

Ja. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur altersmilde (lacht).

Was verändert sich mit dem Alter?

Ich werde gelassener. Aber auch dünnhäutiger. Aber die Dünnhäutigkeit kommt eigentlich nicht vom Älterwerden. Die kam mit der Geburt meiner zwei Kinder. Diese Zerbrechlichkeit, die Dankbarkeit für ein Kind. Das stellt das Leben auf eine ganz neue Basis. Scheitern habe ich übrigens auch von meinen Kindern gelernt.

Scheitern?

Ja. Auf der Bühne würde ich mir Scheitern nie erlauben. Wenn ich an einem Werk scheitern sollte, wird es nicht aufgeführt. Als Mutter aber musste ich sehr früh sehr bescheiden werden. Die süßen Kleinen sind sehr ehrlich.

Steckbrief
  • Wo sie aufwuchs: in Wehr am Südrand des Schwarzwalds.
  • Wo sie lebt: in München.
  • Ihre Kinder: Arabella (19), Richard (16).
  • Ihre Ehen: 1989 heiratete sie den Rechtsanwalt Detlef Wunderlich. Der Vater ihrer Kinder starb 1995 mit 60 Jahren an Krebs. Von 2002 bis 2006 war sie mit dem 35 Jahre älteren Komponisten und Dirigenten André Previn verheiratet.
  • Ihre Karriere: Beginnt mit 5 Jahren, Geige zu lernen. Mit 13 wird sie von Herbert von Karajan für die Salzburger Festspiele engagiert. Zur Feier ihres 35-jährigen Bühnenjubiläums am 23. August dieses Jahres werden ihre gesamten Aufnahmen von 1978 bis heute neu veröffentlicht (40 CDs, limitierte Auflage). Zugleich erscheint „Lichtes Spiel/Time Machines“ mit vier Welt-Ersteinspielungen.

Was bekamen Sie zu hören?

„Mama, du misst mit zweierlei Maß.“ Manchmal war ich wohl mit meiner Umgebung strenger als mit mir selbst.

Wie sieht der Alltag bei Ihnen aus?

Alltag im Sinne von alle Tage, das gibt es bei uns nicht. Dafür ist mein Berufsleben zu unstet. Aber wir haben natürlich unsere Rituale. Gemeinsame Mahlzeiten, so altmodisch das klingt, finde ich extrem wichtig. Weil wir alle drei viel unterwegs sind, verabreden wir uns inzwischen fest.

Und was gibt’s dann zu essen?

Nudeln. Ich kann tausenderlei verschiedene Pasta machen. Meine Geigenlehrerin war Halbitalienerin, ihr Mann hat sehr viel für mich gekocht, mittags, bevor ich in den Zug stieg. Aus dieser Zeit habe ich sehr viele Rezepte …

Ihre Tochter wird in diesem Jahr 20, Ihr Sohn 17. Fällt Ihnen das Loslassen schwer?

Im Moment geht es mir gut, Arabella und Richard sind ja immer noch viel um mich. Meine Tochter hat ihr eigenes Leben und ist wunderbar selbstständig. Ein bisschen froh bin ich aber doch, dass sie zum Studium in München bleibt.

Sie könnten nun mehr Konzerte geben und länger von zu Hause wegbleiben …

… und das ganz ohne schlechtes Gewissen, ja. Die Wahrheit aber ist: Ich habe auch heute noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich das Haus verlasse. Vielleicht liegt es daran, dass ich alleinerziehend bin. Ich muss immer sofort anrufen und mailen.

Und sagen, dass Sie sicher gelandet sind? Sie haben Flugangst. Nicht gerade einfach für jemanden, der um die Welt jettet.

Es ist schon viel besser geworden. Akut war es, als meine Kinder klein waren. Das hing sicher auch mit dem Tod meines Mannes zusammen: Detlef starb, als unsere Kinder ein und drei Jahre alt waren. Fortan gab es immer diesen einen Gedanken: Was, wenn mir jetzt auch noch etwas passiert? Heute bin ich da etwas fatalistischer. Und ich habe einen sehr guten Trick.

Sie spielen im Geist Geige?

Nein, ich bete – hilft immer. Ohne Geige geigen, das mache ich zur Ablenkung beim Zahnarzt.

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