Winterurlaub

Zermatt am Matterhorn

Es zieht Millionen Besucher an: Das Matterhorn hat Zermatt zum reichen Dorf von Welt gemacht. Sein Kapital: die perfekte Sicht auf den Gipfel.

Zermatt am Matterhorn © istockphoto

Auf der engen Bahnhofstraße setzt Heinz Julen zum Höhenflug an. Der hagere Riese geht mit raschen Schritten und erklärt sein Projekt „Dream Peak“: Eine gläserne Pyramide will er auf den Gipfel des Klein Matterhorns setzen. Sie soll aus dem 3883 Meter hohen Berg einen Viertausender machen. Julen schwärmt von einer architektonischen Inszenierung – autark in der Energieversorgung und mit Multimedia-Konferenzraum. Reisende können dort mit künstlichem Druckausgleich übernachten …

Bimmelnde Schellen unterbrechen den Visionär. Von hinten kommt eine Kutsche, gezogen von zwei Schimmeln. Ein frierender Kutscher hält die Zügel, er trägt einen blauen Umhang und eine Schirmmütze mit dem Schriftzug „Zermatterhof“. In dieses Hotel bringt er die Gäste, die er vom Bahnhof abgeholt hat. Heinz Julen geht einen Schritt zur Seite, Schneeflocken fallen auf seine schwarze Brille und das gewellte Haar, das er zum Pferdeschwanz gebunden hat. Die Kutsche rumpelt vorbei, er schwärmt weiter von seiner Zukunftskapsel auf dem Gipfel: „Das wird eine ökologische Alternative zum Weltraumtourismus.“

Wir sind in Zermatt. In diesem Dorf, 1620 Meter hoch am Ende des engen Schweizer Mattertals gelegen, prallen die Kontraste hart aufeinander. Vom 200 Jahre alten Speicher, den die Bergbauern auf Stelzen und runde Steinplatten gestellt haben, damit die Mäuse nicht ans Brot kommen, sind es nur ein paar Schritte bis zum Sushi-Restaurant. Einheimische entbieten den alten Gruß „Tagwohl“, junge Engländer feiern in einer Lounge im Ibiza-Style. In der Whymper-Stube riecht es nach Käsefondue, schräg gegenüber spielt eine Rhythm-and-Blues-Band aus den USA. Die Gassen sind autofrei, über den eng zusammengluckenden Dächern schwebt ein Hubschrauber mit Gästen zum Heliskiing.

Willkommen im Bergdorf mit Weltanschluss. Heinz Julen wurde 1964 hier geboren. Sein Vater August war Bergbauer und Skilehrer, seinen Sohn nannte er nach einem berühmten Feriengast von Zermatt, dem amerikanischen Ketchup-Fabrikanten Mister Heinz. Der junge Julen besuchte ein Jahr die Kunstschule im Unterwallis, seither mischt er als Gestalter sein Heimatdorf auf. Er polemisiert gegen den alpinen Einheitsstil, der in den 80er-Jahren auch Zermatt verschandelt hat. Die Betonorgien der Hotels und Apartmenthäuser, mit Holz auf heimelig getrimmt, nennt er „aufgeblasene Pseudo-Kuhställe“.

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