Krimi-Metropole Tatort Ruhrgebiet

Zwischen stillgelegten Zechen und mächtigen Industriebauten tobt das Verbrechen – zumindest auf dem Papier. Die Kulturhauptstadt 2010 ist auch Krimi-Metropole. Wir haben uns mit zwei Autoren auf eine spannende Spurensuche begeben

Waffe Tatort Ruhrgebiet © iStockphoto - Grzegorz Kula

Da lag er“, sagt Jan Zweyer. Er zeigt mit seiner fleischigen Hand den kleinen Pfad hinunter, dorthin, wo es bergab geht, wo das dichte Grün den Weg überwuchert. Er geht auf die Stelle zu und umkreist den grausigen Fundort: ein Haufen vertrockneter Äste am Wegesrand, daneben Geröll und Steine, Staub und Dreck. Hier und da blitzt ein Sonnenstrahl durch das dichte Blätterdach der Bäume. „Zuerst dachten die Experten, es handle sich um Herzstillstand beim Joggen“, sagt Zweyer und flüstert dann geheimnisvoll: „Aber natürlich war es ... Mord.“ Zweyer macht einen großen Schritt, als läge die Leiche noch immer da, als müsse er über sie hinwegsteigen. Er trägt Bluejeans und ein beiges Safarihemd, das bis unter die Armbeuge aufgekrempelt ist, als hätte er gerade irgendwo „mit angefasst“, etwa beim Schleppen von Kisten geholfen oder beim Verfrachten einer Leiche in den Kofferraum. „Der Tote wurde hier nur gefunden, ermordet wurde er woanders“, sagt er und tritt mit seinem massigen Körper bedrohlich nah an mich heran. Wo er, Zweyer, ihn denn sterben ließ, will ich wissen. Doch Zweyer winkt ab, möchte nicht zu viel verraten: „Sie wollen den Krimi doch noch lesen, oder?“

Jan Zweyer mordet nur auf dem Papier. Er ist Krimiautor in einer der deutschen Hochburgen des Krimis: im Ruhrgebiet. Die Liste der Autoren, die ihre Helden zwischen Lippe und Ruhr erschießen, erwürgen, erstechen und vergiften lassen, dürfte mittlerweile auf einige Dutzend angewachsen sein. Ein Glücksfall für Ruhrgebiet-Reisende – sie finden unter den vielen Krimis garantiert die passende Urlaubslektüre: Autor Zweyer enthüllt Geheimnisse in Herne, Gabriella Wollenhaupt beschreibt Dortmunds dunkle Seiten, Theo Pointner ermittelt in Bochums Unterwelt, und Reinhard Junge sucht in der historischen Altstadt von Hattingen nach Fingerabdrücken.

Nebenbei erfährt man etwas über die augenblickliche Lage im Kohlenpott. So thematisiert Zweyer in seinen Krimis den Strukturwandel, der das Revier nach wie vor fest im Griff hält: Eine seiner Hauptfiguren ist der Türke Cengiz Kaya, ein ehemaliger Bergmann, der mittlerweile zum Computerfachmann umgeschult hat. „Das spiegelt natürlich die Entwicklung des Reviers wider“, sagt Zweyer. Der 56-Jährige weiß, wovon er spricht: Er ist selbst hauptberuflich bei einem der größten Kohleförderer Deutschlands beschäftigt. Seit 1997 schreibt er in seiner Freizeit Krimis. Als Hauptfigur ersinnt er den Anwalt Rainer Esch. „Rainer ist aber keinesfalls mein Alter Ego“, wehrt Zweyer die immer wieder gestellte Frage ab. „Er ist vielleicht so, wie ich es manchmal gern sein würde – ohne mich zu trauen.“ Immerhin ein paar Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Hauptperson und Autor: Zweyer und Esch sind bekennende Fans von Schalke 04, hören die Rolling Stones und lieben guten Pfälzer Riesling. Höher ist die Deckungsgleichheit bei Gabriella Wollenhaupt und ihrer Romanfigur Maria Grappa: Beide sind leidenschaftliche Journalistinnen, beide fahren Golf Cabriolet, beide hören ausschließlich klassische Musik und beide altern parallel und haben mittlerweile die 50 überschritten. „Allerdings gönnt sich Grappa im erotischen Bereich das ein oder andere Abenteuer“, sagt Wollenhaupt, macht eine kurze Pause und lacht: „Na ja, das mache ich eigentlich auch.“

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Autor:
Markus Ridder